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Äquator Und da voraus ist er, der geheimnisvoll unsichtbare Äquator. Ein Tages-etmal, also 24 Stunden laut GPS-Daten und Sextantberechnung entfernt. Der Erste gibt mir durch die Blume zu verstehen, dass die mitreisende Ehefrau unseres ersten ‚Maschinisten’ und Tochter des ‚Alten’ noch nicht getauft ist. An jener klebt, und das, verflucht, ist „unter aller Sau“, demnach noch der Schmutz der nördlichen Halbkugel: Schmutz der Seen, Flüsse, Moore, Tümpel, Moräste und Wasserpfützen. Ein hochkarätiger, sehr seltener Fall, der natürlich eine auβergewöhnliche Behandlung geradezu herausfordert. Dazu noch, ein schwierig zu behandelndes Schicksal, denn schlieβlich geht es um die Tochter des obersten Herren nebst Gott an Bord. Dass unser alter Bootsmann der Mann mit der meisten Erfahrung ist, wenn es um die Äquatortaufen geht, weiβ effektiv auch die letzte Ratte an Bord. Er nagelt in seiner Arbeits- und Freizeit diverse schwere Reserveholzlukendeckel in so in einer Art zusammen, dass jene zwischen ‚Luke zwei’ und dem Stahl-Schanzkleid, ausgekleidet mit zwei schweren Lukenpersenningen aus starkem grünen Tuch eine Art Schwimmbad bilden, in dem wenig später Hunderte von Litern Seewasser zur Taufe bereitstehen werden. Außerdem hat er noch genügend Zeit, eine dieser enormen Halskrausen aus diesmal jeweils zwei dieser Lukendeckeln, die pro Stück gut 20 Kilo wiegen, herzustellen, bei denen der Hals des Täuflings sowie seine beiden nach oben abgewinkelten Unterarme in ausgebohrte Rundungen eingeklemmt werden und die in dieser Form ihren Ursprung im tiefen Mittelalter haben. Heute und hier an Bord wird unbesoffen beraten, inwieweit diese Halskrausen, diese Art von Instrumenten der Tortur in alten Burgkellern unsererseits noch den hübschen und vor allem herrlich feinen Hals der Ehefrau unseres schwergewichtigen 1. Ings Klaus Beyer, der bei dieser Zeremonie den Neptun darzustellen hat, zum Einsatz kommen und zieren werden – oder nicht. Die Meinungen des Für und Wider stehen fifty fifty. Kommt jetzt nur noch darauf an, wie besoffen die Taufenden sind, wenn die Stunde der Aktion geschlagen hat. Noch vier Glasen, gleichbedeutend mit vier Stunden bis zum Äquator. Alles ist vorbereitet. Einige der Täufer sind leicht angeheitert, andere schon stink besoffen. Den Besatzungsmitgliedern an denen noch der vormals erwähnte Schmutz der nördlichen Halbkugel klebt, geht der „Arsch auf Grundeis“ in Anbetracht dessen, was sich da so an Deck abspielt, welches sich fast über Nacht in eine Folterstätte verwandelt hat. Die vollbusig blonde Thetis, deren Gatte, der weiβbärtige und dreizackbewehrte Neptun, die mit Schokoladenpulver beklebten Hilfsneger, der befrackte Astronom oder auch genannt Sterngucker, ein weiβ bekittelter, blutbefleckter Arzt, als auch ein Kleriker in schwarzer Pastorenrobe, stehen oder sitzen in ihrer Verkleidung, mehr oder weniger dem Ethylrausch anheimgefallen, herum und belallen den Akt, in dem sie demnächst Hauptdarsteller sein werden und gar im Suff eh schon sind. Die Täuflinge gelten als Nebenakteure, werden erst zu richtigen Menschen nach bestandener und, noch wichtiger, überlebter Taufe, der später nachfolgenden Körperreinigung, die oft noch schlimmer und noch qualvoller ist, als die Taufe als solche, beim Versuch also, Labsalbe und Farben von der gepeinigten Haut, aus den Haaren und das in die Arschkimme gepönte ‚Kreuz des Südens’ tip top zu entfernen. Ein riesiger Kochtopf, voll mit den allerliebsten Fischinnereien und sonstigen Abfällen, steht dampfend und stinkend auf Luke 2 bereit, ein Druidentrunk besonderer Güte. Daneben ein Tablett mit übermäβig groβen Pillen, hergestellt aus Pfeffer, Mehl, aufgeweichten Brotresten, reichlich Salz und – was weiβ ich noch. Es ist ein Geheimrezept eines jeden Smutjes. Der ‚Arzt’ bestaunt die auf zwei Holzböcke gelegte Holzleiter, an der stellenweise in fast regelmäßigen Abständen überhängende Ketten angebracht sind, die in den seicht rollenden Schiffsbewegungen schaukeln. Jene sollen später verhindern, dass der Täufling bei einem Fluchtversuch runterfällt, wenn die wirklich hundsgemeinen ‚Reaktionstests’ mit dem ‚Reaktionbarometer’ an ihm durchgeführt werden. Während der Beschauung haut der ‚Arzt’ sich derweil ’ne Flasche gut gekühltes Bier hinter die Kiemen. Ein etwas angeheiterter, als Astronom verkleideter Maschinenassistent versucht, zwei aneinander gebundene Sektflaschen, die derart später als Fernglas ihren Job tun sollen, mit Seewasser zu befüllen, was auch zum Erstaunen aller angeheiterten Zuschauer tatsächlich irgendwann gelingt. Derweil stellen zwei ‚Neger’ einen nach Schmiere und sonstigen Fetten riechenden Bottich zu Füßen der Thetis ab. Einige hatten zu Beginn der Feier ’was gegen den Ausdruck ‚Nigger’ da er politisch unangebracht sei in unserer modernen fortschrittlichen Zeit. Man einigt sich auf Neger, obwohl es heiβ her geht bei der Suche nach der von allen respektierten farblichen Bezeichnung und es zwischen dunkelbraun, schokoladenbraun und Ebenholz in Patt ausgeht. Als jemand jedoch einwirft, dass der Rassenbegriff zwischen den ‚Farbigen’ wie sie sie nennen wollen, unbekannt ist, und einige ‚Neger’ die ‚Neger’ einer anderen Volksgruppe, nur, weil diese etwas dunkler sind oder einer anderen Religion zugehören, sogar als ‚Scheiβnigger’ zu betiteln pflegen, geben die meisten Antirassisten klein bei, und die Sache bleibt bei der uralten Bezeichnung Neger, die in keiner Form eine Rassenbeleidigung beinhaltet, wie beteuert wird, sondern eine allbekannte Tatsache sei. „Auβerdem, so lange in der weiten, weiten Welt verschiedene Rassen coexistieren, bin ich Rassist!“ sagt einer der Schmierer und drückt einen Glimmstängel in seiner Handfläche aus. Autsch!! Das Fest für die Einen, das Leiden für die Anderen kann, soll und darf beginnen. Der ‚Arzt’ ist der Matrose Klaus Wolter, der natürlich nicht ahnt, dass etliche hundert Kilometer entfernt Leute das wahre Inferno zusammenbasteln, während er hier an Bord seine an die rechte Hand per Lederriemen befestigte kleine Holzplatte, das ‚Reaktionsbarometer’ mit den gut zwanzig fabrikneuen eingeschlagenen spitzen Nägeln betrachtet, die das Inferno bei den auf die Leiter geketteten Täuflingen während des ‚Reaktionstestes’ erzeugen sollen. Noch eine halbe Stunde bis zum erwarteten ‚Ruck’, wenn der Schiffsleib den Äquator überquert. Die Täuflinge sind vom Rest der Besatzung abgesondert, eingesperrt in den kleinsten Lastraum, welcher als Farblager dient, nach Verdünnern und Farbe bestialisch stinkt und außerdem, als sei es der Plage nicht genug, nur minimal belüftet ist, aber dafür kochend heiβ wird unter der Äquatorsonne. Am Ende der Tauf-Saison wird ein jeder Täufling lieber unter den Nägeln des ‚Reaktionstestes’ auf der Leiter hin und her zucken, als weiterhin in diesem beschissenen Raum schweiβtriefend Lösungsmittelgase einzuatmen und im rostig feuchten Dreck herumzuliegen. Die hübsche, feingliederige Frau des Ersten Ings ist von dieser Prae-Tauftortur befreit und soll als erster Täufling hochgradig gesondert behandelt werden. Ein streng unter uns so benanntes „unseemännisches weiblich groβtittiges Sondergut“. Soll mal eine Landratte sagen, wir männlichen Seeleute hätten was gegen das andere Geschlecht auf See. Schmutzigere Ausdrücke, die zur Wahl standen, lehnten wir vorzeitig und im Vollbegriff unserer Sinne ab. Das hat man zwischen Täufern, Ehemann und Täufling nach hitzigen Diskussionen ausgehandelt. Auβerdem wird die maximale und minimale Biermenge in Form von Zwölferkästen, welche die Dame spendieren soll und muss, um als getauft zu gelten, rein verbal festgelegt, was auch auf ihren neuen Nicknamen zutrifft. „Seeaal“. Noch wenige Minuten bis zum Schiffssirenensignal der Äquatorüberschreitung und somit des Taufbeginns. Diverse Akteure haben zu diesem Zeitpunkt unfehlbare Anzeichen übermäßigen Alkoholgenusses, und niemand bemerkt diesen vor einigen Tagen angekündigten und witzig erscheinenden „Ruck“ beim Passieren hinüber in die Gefilde der südlichen Halbkugel, hören jedoch klar und deutlich die Schiffsirene, die dieses imaginäre Überschreiten lautstark meldet. Auf der mit Persennigen bespannten Ladeluke erscheint von zwei ‚Negern’ begleitet mit nicht sehr festen Schritten die Frau Chief im roten Bikini und baut sich vor Neptun auf, derweil zeitgleich einer der Täufer sich unaufgefordert eine Ladung dieser stinkenden Fischpastetenmasse greift, mit wenigen Schritten an die Frau Chiefing heran tritt, in das vordere Gummi am Höschen, was natürlich nachgibt, grabscht, mit der vollen Pastetenhand hinein in den Freiraum gleitet und den ganzen Matsch an ihren Unterleib und noch weiter runter schmiert, während Hunderte von Meilen entfernt nahe des Horns von Afrika eifrige Hände weiterhin unbeeindruckt von den Vorgängen auf unserer „BABITONGA“ an Dingen basteln, die von weitem betrachtet wie große, glitschig tote Fische von beachtlicher Gröβe aussehen und Neptun, wie auch der Rest der Täufer ungläubig staunend herumstehen oder wanken und wie der ‚Alte’ beinahe aus der Brückennock springt. Lesen Sie im Buch weiter! Im Buchhandel unter ISBN 978-3-00-035506-6 Am schnellsten per Direktbezug gegen Rechnung beim Herausgeber innerhalb Deutschlands portofrei: Telefon: 040-18090948 oder per eMail: maritimbuch (at) gmx.de
Jan Huber, 2. Offizier auf M/S BABITONGA Mann, das ist ein „Tag zum Heldenzeugen“. Blauer Himmel, leichte Brise, schwach bewegte See und der Tafelberg voraus an Steuerbord, so um die vier Seemeilen entfernt. An Deck machen unsere Leute die Festmacherleinen auf der Back und dem Achterschiff klar, fahren zusätzlich die Spills durch, um deren Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Der „Alte“ ist noch nicht auf der Brücke, wird sich aber, wie gewohnt, noch bevor der Seelotse Capetowns an Bord kommt, neben mir aufbauen und mich wie immer mit den Worten ablösen: „Na denn man los, Stürmann, bind den Kahn schön fest, damit wir nicht an Land springen müssen, sondern gehen können!“ Und ich werde wie immer antworten: „Und damit die „Tussies“ nicht so’n langen Schritt machen müssen und dabei mitten durch reißen!“ Eigentlich recht blöde Schnacks, aber wenn sich Leute gut verstehen, dann kommt so was schon ab und an vor. Unser „Erster“ hält allerdings rein gar nichts von solchen Formeln. Er nennt das „Unmenschliches Blödsabbern von Seibelfreiern“, womit er nicht ganz unrecht hat, denn nie durften Nutten an Bord unseres Schiffes, soweit ich mich entsinnen kann, weder in Südafrika, und damit war für uns Kapstadt gemeint, noch in Israels Haifa, welches den anderen Punkt als Anlaufhafen darstellt. Man macht es uns nicht eben einfach, mit etwaiger bereitwilliger weiblicher Bevölkerung in engeren Kontakt zu treten. Im erstgenannten Hafen wusstest du nie, ob die kleine weiße Biene nicht doch vielleicht in ihrem alten Ausweis den Vermerk „COLORED“ trug und du dafür nach dem damaligen, obwohl abgeschafften, doch noch längst nicht vergessenen Gesetz der Apartheid in den Knast gehen konntest, eine Strafsache, die immer noch in Gehirnen der weißen Bevölkerung verankert ist. Wenn man dich mit so einer beim innigen Verbrüderungsakt erwischte, konnte es dir dreckig gehen. Und im anderen Fall, dem israelischen, etablierte sich ein großer Abstand zwischen den Töchtern Davids und Deutschen Seelords nahezu aller Altersklassen, was einen oder mehrere innige Verbrüderungsakte noch mehr ausschließt, als im fernen Kapstadt. Abgesehen davon, wer wagte es, einer Uniformierten zwischen die Schenkel zu greifen. Uniformierte – und dazu noch außerordentlich hübsche Weibchen – gab’s in Hülle und Fülle. Ganz Haifa, ganz Irreal scheint voll davon. Nichtuniformierte dagegen existieren äußerst selten, stellen jedoch ebenso wenig Jagdwild dar, wie die Damen in Uniform mit den runterhängenden Schulterstücken, eine Besonderheit dieser Armee, am Oberarm runterhängende Schulterstücke mit dem Stern Davids und den Rangabzeichen darauf. Man stelle sich vor, in welcher Form wir alltäglich aufliefen, sei es in einem der beiden Häfen oder auf der weiten, weiten See. Mehr schlecht als recht. Blieb nur noch Las Palmas, unsere Bunkerstation auf den Kanaren während der Hin- und Rückreise als Kontaktpunkt zwischenmenschlicher Bumsbeziehungen. Ein Kurzfick in Rekordzeit, wie die Karnickel, denn dort liegen wir normalerweise nur knapp vier Stunden, für längere Vorspiele und so weiter reicht die Zeit einfach nicht, wird von den „Schwalben“ wohl auch nicht erwartet. Mann, was sind das für geile Zeiten, jedenfalls für die ‚Landratten’, ansässig in aller Herren Länder, für die es haufenweise verfügbarer Stunden mit den Damen gibt. Nicht so für die Seelords auf einem derzeit normalen Stückgutfrachter, denn die diesbezüglichen Sexualbeziehungen funktionieren recht selten. Auf den Containerjägern haben es europäische Offiziere und philippinische Besatzungsmitglieder noch viel komplizierter, die wissen nach einer kompletten Reise manchmal nicht, ob sie nun Männchen oder Weibchen sind. Aber was soll’s, niemand wird heutzutage mit der Pistole an der Stirn oder durch „Shanghaien“ zur christlichen Seefahrt überredet, die ist nun mal so. Inzwischen sehe ich durch den Kieker das weiße Lotsenboot am Kopf des Hafen-Wellenbrechers und des grünen, derzeit wegen der Tageszeit gelöschten Leuchtfeuers vorbei auf uns zuhalten. Zumindest nehme ich mal an, dass das kleine Boot der Lotse ist, obwohl der große Buchstabe P am Vorsteven und der internationale Signalwimpel H noch nicht auszumachen sind. Das P steht führ PILOT / LOTSE und das H für: HABE EINEN LOTSEN AN BORD. Die weiße Schaumkrone vor dem Bootssteven hält weiterhin Kurs auf uns zu. Meine Chance, Recht zu haben, Gegenteiliges ist eh nicht eingeplant, steigt drastisch. Über die Bordlautsprecher weise ich unsere Leute an, die Lotsentreppe auf der Wind ab gelegenen, der Leeseite, auszubringen, in diesem Fall an Backbord. Eine leichte Brise steht von See her auf Land zu. Da erwacht auch schon das VHF auf dem Kanal 16 mit dem Anruf an uns und der Mitteilung, dass der Lotse auf unserer Backbordseite an Bord kommen wird. „Na, das hast du ja wieder richtig vorausgeahnt!“ höre ich die Stimme meines Kapitäns im Genick, dessen Auftritt auf der Brücke ich gar nicht mitbekommen habe. Ich bin gerade in diesem Augenblick auf die Backbord-Brückennock hinausgetreten, höre, wie die Holzstufen der Lotsenleiter an der Bordwand nach unten rasseln und finde noch Zeit „Vergesst nicht, einen Rettungsring klarzulegen!“ zu den Matrosen hinunter zu rufen. „Schon geschehen, Mate!“ kommt die rauchige Stimme des Bootsmannes Klaus Bremer postwendend zurück. „Hervorragend, wenn man solche seemännischen Arschgeigen an Bord hat“, grummelte der Alte vor sich hin. Ich ziehe es vor, dem weder etwas zuzufügen, noch gegenan zu stänkern, denn jeder weiß, weshalb unser Kapitän etwas sehr Persönliches gegen den Bootsmann hat. Eigentlich ist das eine andere Geschichte, aber um einen „Suspense infinito“ auszuschließen; es hat was mit der ‚Äquatortaufe’ vor einigen Tagen zu tun. Das Boot zieht mit Vollgas an uns vorbei, lässt einen kurzen Augenblick das weiß leuchtende P erkennen, umrundet unser Heck in wenigen Metern Abstand, prescht bis kurz vor die an der Bordwand hängende Lotsentreppe, gibt Vollgas zurück und liegt wie von einem Magneten angezogen in der richtigen Position, damit der Lotse übersteigen kann, was jener auch durchzieht. Ein „Glanzmanöver“ seitens des Bootsführers, immer dann, wenn der Motor mitspielt. Wenn nicht, dann ist das Resultat viel Kleinholz und mindestens zwei Mann „im Bach“, und dieser wimmelt von großen weißen Haien wie die Nordsee von Heringen, um nur ein lahmarschiges Beispiel zu nennen. Augenblicklich bin ich an Deck, gerade im richtigen Augenblick, als eine der Hände, dann die Glatze des Lotsen über dem Schandeckel erscheint. Unter der Glatze und einem wahren Gestrüpp zweier dunkelblonder Augenbrauen die dazugehörigen dunkelblauen Augen, eine feingliederige Nase sowie ein volllippiger breiter Mund über einem prominenten Kinn. Der Lotse kann seine Burenvorväter nicht verleugnen. „De Vries“, stellt er sich mir vor. „Jan Huber“, halte ich dagegen. Dass ich der Zweite Offizier dieses Schiffes bin, kann ich mir sparen, denn meine Offiziersepauletten mit den zwei goldenen Balken unter dem ebenso goldenen Stern haben ihre eigene Partitur. Abgesehen davon, bekommen wir fast immer denselben Hafenlotsen an Bord, und das schon seit fünf Reisen. Man kennt sich, und trotzdem weicht keiner von der Vorstellungsprozedur ab. Ich sehe kurz zur Nock hoch und stelle fest, dass unser ‚Erster’ dort oben steht und großnäsig auf uns herabschaut. Der Gute hat ’ne Nase, die eigentlich für zwei verschiedene Leutchen geplant war und, aus welchem Grund auch immer, nur einem zugute kam. Nun ja, was soll’s, hat er sich ja nicht aussuchen können bei seiner Zeugung und späteren Geburt, was natürlich einen Teil, so um die 99 Prozent der Besatzung der M/S BABITONGA, nicht davon abhält, ihn hinterrücks „Nasenbär“ oder nur „Nase“ zu nennen. Armer Kerl! Nichts ist schlimmer für einen Vorgesetzten, außer dem Klabautermann auch noch Frauen an Bord eines Schiffes zu haben oder gar von den restlichen anwesenden Besatzungsmitgliedern nicht vollkommen ernst genommen zu werden, nur weil man nicht mit einer perfekten Außenfassade aufwarten kann. Am allerschlimmsten ist, alles kommt zusammen und verschmilzt. Wenn so was passiert, kann es das allgemeine gute Zusammenleben an Bord aushebeln, wie schon oft genug geschehen auf Schiffen der Reederei. Ich gehe dem Lotsen voran die Außentreppen empor, an den Rettungsbooten in deren Davids vorbei bis zur Backbord-Nock und dann hinein in die Brücke, in der unser Alter zum Gruß dem Lotsen lächelnd eine Hand entgegenstreckt. Den ‚Ersten’ mache ich am Maschinentelegraphen aus, sowie einen unserer Stewards, welcher gerade durch die innere Tür zum Kartenhaus erscheint mit genügend Tassen und einer Thermosflasche frischen Kaffees auf einem silbrigen Tablett aus garantiert rostfreiem Stahl. Ich gehe davon aus, dass im Thermo Kaffe sein muss, denn den Träger des Tabletts umwebt dieser eigenartige deftige Duft. „Pilot“, sagt der Alte überflüssigerweise, „mein Name ist Gerd Bauer, und das dort ist mein Erster Mate, Frank Fundt und dort der Zweite, Jan Huber.“ Dann, mit einer einladenden Handbewegung: „Ihr Schiff, Lotse!“ obwohl das nur sehr bedingt stimmt, denn der Kapitän ist nur auf sehr wenigen Seestraβen zeitlich nur zweiter Mann an Bord. „Danke, Kapitän Bauer. Halbe Fahrt Voraus. Zehn Grad Steuerbord, bitte!“ Der Chiefmate schiebt den Handgriff des Telegraphen voraus, und ein leichtes Vibrieren zeigt uns an, der Pott macht Schraubenumdrehungen, gewinnt an Fahrt, während das Lotsenboot an uns vorbei Richtung Hafeneinfahrt davonzieht und der Matrose am Ruder die vom Lotsen geforderten zehn Grad Steuerbord bestätigt und anvisiert. Unser Kahn gleitet schon bald durch das stille Hafenwasser auf die erste Pier zu, der an der South Arm Street. Ich stehe derweil auf der Back, schaue achteraus an unseren Aufbauten vorbei und erblicke zwei Fischkutter, die eben in diesem Moment den Wellenbrecher umrunden und in unser Kielwasser hineingleiten, bevor unsere Aufbauten mir die Sicht auf die beiden verdecken. Am Signalmast des ersten Kutters erkenne ich aber noch die Flagge Israels auswehen und die Südafrikas auf einer der Seiten der Rah desselben auswehen. Einer der Matrosen neben mir, der ebenfalls achteraus schaute, meint mir zugewandt: „Das sind zwei der Thunaflotte, von denen wir die tiefgekühlten Fische übernehmen“, derweil er eine der Festmacherleinen klar legt und das Ende der Schmeißleine an ihr befestigt. Das hätte mir der gute Mann nicht sagen brauchen, denn nach den fünf vorherigen Reisen kenne ich natürlich die Israelis fast alle. Unterdes hängen einige unsrer Leute die als „Matroseneier“ benannten runden Fender auf der Steuerbordseite außenbords, als wir die Pier nicht weit entfernt querab haben. Der Matrose namens Klaus Wolter stellt sich breitbeinig ans Schanzkleid, holt kräftig aus, lässt die Wurfleine und den daran befestigten runden und mit Mennigefarbe komplett voll gesogenen schweren Wurfleinenknoten in hohem Bogen an die Pier fliegen, auf der zwei ältere Festmacher diesen mit mehr oder weniger Geschick armerudernd auffangen. Die beiden Männer an Land holen auch schon sofort, erst an der Wurfleine ziehend, dann am Auge der Festmacherleine, jene an Land und belegen sie auf dem vom lauthals grölenden Lotsen bestimmten Poller der Pier, der mit einer weiβen Nummer 24 gemarkt ist. Wir belegen auf unserem Bordpoller mit zwei Buchten und fieren dann langsam mit, bis der Alte durch die Deckslautsprecher ruft: „Fest so!“ Unser Pott schmiegt sich an die Pier wie ein besoffener Seemann an seine Dame aus der „Dödelbar“, derweil der Schiffspropeller langsam voraus dreht. Wir sind im Land der elf offiziellen Sprachen angekommen. Im Land des Krüger-Nationalparks, im Land, in dem täglich Hunderte von Frauen, meist schwarze, nicht farbige, wie Inder oder Mischlinge, offiziell an AIDS sterben. Im Land, in dem seit einiger Zeit der Afrikanische Nationalkongress das Ruder in der Hand hält. Im Land des weltbekannten und beachteten Nelson Mandela sowie seiner singenden und tanzenden Anhänger. Im Land der Gold- und Diamantenminen und des in aller Welt begehrten Gold-Rands. Im Land der Townships und des geregelten Elends in ihnen. Im Land der ehemalig und noch unterschwellig existierenden krassen Gegensätze zwischen Schwarz und Weiβ. Alles, was dazwischen liegt, zählt nur bedingt. Kurz, wir sind am südlichsten Zipfel Afrikas. Unsere Leute legen zwei Törns mehr auf den Poller, geben dann die Vorspring an Land. Zehn Minuten später kann ich dem Kapitän melden: „Vorschiff fest!“ und höre fast im selben Augenblick den Ruf von achtern: „Achterschiff fest!“ Schon sehe ich zwei meiner Maaten zum mittleren Teil des Schiffes toben, denn dort ist man dabei, mit unserer Gangway den Landkontakt herzustellen. Ich gebe Order, auf den Festmacherleinen die runden Rattenbleche anzubringen, die wie große Schutzschilde alter Ritter aussehen, bei denen die ihren Mittelpunkt durchstoßenden Leinen wie Lanzen wirken und es nie ganz klar ist, ob sie das Vonbord- oder mögliche Anbordgehen von Ratten verhindern sollen. Wenig Zeit vergeht, der Lotse erscheint an Deck, betritt die Gangway und ist der Erste, der von Bord geht, in ein schon wartendes Auto steigt, kurz zur Brückennock hinaufgrüßt, die Autotür schließt und alles zusammen, Lotse, Fahrer und Auto in einer Dieselqualmwolke am Ende der Pier verschwindet. Der Alte schaut zum Deck runter, dreht sich, ohne etwas zu sagen, um und verschwindet in die Brücke. Na, wenn er nichts sagt, hat er auch nichts auszusetzen an unserem perfekt eingespielten und synchronisierten Festmachmanöver. Man kann stolz sein! Die beiden Israeliskutter ziehen langsam an uns vorbei, wie ich aus den Augenwinkeln am Heck des letzt vorbeilaufendem erkenne. Dort stehen drei, vier Leutchen, die zu uns herüber sehen, während ein anderer mit einer Festmacherleine kämpft. Am Heck ist aber noch etwas, was meine Aufmerksamkeit dort hin lenkt. Der Schiffsname HAIMA in lateinischen oben und darunter in hebräischen Buchstaben, was mir erlaubt, den Namen überhaupt zu entziffern. Ich glaube, meine Augen spielen mir einen optischen Streich. An einem israelischen Schiff, und sei’s auch nur ein stinkender Thunafänger, die Heckpartie mit diesem Namen angepönt vorzufinden, ist ehrlich gesagt ’n „Hammer“, denn Haima ist nicht gerade hebräisch, sondern eher arabisch und heiβt ins Deutsch übersetzt so was wie Heim oder Zelt in der Wüste. „SCHALOM“ oder „HAIFA“ kann ich als israelischen Namen noch verdauen, aber HAIMA?“ Ich kann mich aber nicht weiter mit dieser Sache beschäftigen, denn in diesem präzisen Moment hält eine offizielle Limousine an der Gangway, der drei hohe Offiziere der hiesigen Einwanderungsbehörde sowie ein Zivilist, wahrscheinlich der Hafenarzt, entsteigen. Passkontrolle. Gesundheitscheck. Ohne ‚Schwanzkontrolle’? Vor mir stiefelt der Erste Offizier einher. Auch er ist auf dem Weg in die Mannschaftsmesse, in der wir uns alle versammeln werden. Der Erste Offizier, Herr Fundt, macht vor mir die Tür auf, und sofort stehe ich in einem bläulichen Zigarettenqualm. Die gesamte Seebesatzung, einschlieβlich Frau Chiefing ist versammelt. An einem der Messetische sitzen die uniformierten Südafrikaner an einer der Längsseite und der Alte an der anderen. Mitten auf dem Tisch zwei Stapel Seefahrtbücher, einer klein, der andere groß. Einer der Kappolizisten öffnet eines der obenauf liegenden Dokumente des großen Stapels, gibt das dann an einen anderen Poli weiter, der hernach das Bild betrachtet, den eingetragenen Namen aufruft und sofort das Gesicht auf dem Photo mit dem, welches „hier!“ gerufen hat, also mit dem Original, vergleicht. Das geht so einige Minuten, und dann darf auch ich „hier!“ rufen, werde begutachtet und mit einem freundlichen Lächeln und einem gelben Landgangspass in der Hand verabschiedet. Schwanzkontrolle fand nicht statt, nur ein Blick des Arztes auf die Fissage. Offiziell darf ich jetzt Südafrikas Küste und Mole des Hafens von Kapstadt betreten. Was ich außerdem neuerdings darf, Mädchen mit dem Stigma COLORED oder gar BLACK vernaschen, was bis vor einiger Zeit wegen der schon angesprochenen Apartheid äußerst unsittlich und daher absolut unkorrekt war. Meine hiesige sonnengebadete „Braut“ Roslyn hat im Pass nichts vermerkt, ich gehe also davon aus: no Problem. „Drauf geht’s!“, denn genau die bräunlichen, die ehemals verbotenen Früchte, sind die weitaus hübscheren, scheint mir. Gehörte Lyn dazu? Ich gehe also wieder an Deck, sehe dass das Fangnetz unter der Gangway nicht richtig befestigt ist und fluche in mich hinein: „Wenn deswegen einer der Kapleute, Hafenarbeiter, Schauermann oder einfacher Besucher fehltritt und am Netz vorbei in das Hafenwasser zwischen Schiff und Pier fällt, dann ist irgendeinem, sehr wahrscheinlich mir, ein Gefängnisaufenthalt sicher.“ Kaum ausgedacht, sehe ich aus meiner gebückten Haltung die Gangway hinunter einen lang aufgeschossenen schwarzlockigen Kerl unten auf der Pier stehen und zu mir hinaufsehen. Den Typen haste schon Mal gesehen, und das vor nicht langer Zeit, geht’s mir durch die Birne. Während ich einige Tampen vom Netz her am Schiff festmache, nehme ich die Beine einer anderen Person neben mir an Deck war und verliere augenblicklich das Interesse an dem langen Lulatsch dort unten, der urplötzlich auch gar nicht mehr da ist. Die Beine neben mir gehören einem unserer Leichtmatrosen, wie ich sofort feststelle, nachdem ich den restlichen Körper sowie sein Gesicht im Blickfeld habe. „Knut, mach mal ’ne Sause, hol dir noch’n paar Tampenstücke und zurr mir das Gangwaynetz so, dass niemand ins Wasser fallen kann! Ist das klar?“ Der Leichtmatrose Knut Hansen ist genau der Typ, den wir Vorgesetzte uns wünschen. Ohne noch ’was einzuwenden oder dumm nachzufragen, ist er schon unterwegs zur Back, in der er die beste Chance hat, die von mir angeforderten Tampen vorzufinden. Ich bin wieder in der Vertikalen und pliere die Pier entlang, sehe aber zuerst nur einen Pulk Hafenarbeiter, die darauf warten, dass unser Kahn freigegeben wird, die uniformierten Staatsangestellten von Bord gehen, ohne jeden Einzelnen von uns einer persönlichen Kontrolle zu unterziehen und die gelbe Flagge Q vom Signalmast verschwindet, was bedeutet, dass auch der Hafenarzt keine Bedenken anzumelden hat. Keine Pest an Bord der BABITONGA. Und dann sehe ich, schon etliche Meter entfernt, die Rückenpartie des ‚Langen’ um die Ecke einer Lagerhalle verschwinden, über der ich an einem hohem Gebäude die Riesenbuchstaben ABSA erkenne, welche sich in mein Gedächtnis einnisten, ich weiß nicht warum. Ich sehe, wie eine der Außentüren unserer Aufbauten aufgeht und das erste uniformierte Bein über das Süll hinweg steigt, dem sogleich vorsichtig das zweite folgt. Vorsicht ist angebracht, wenn man über ein Türsüll steigt, denn fast immer sind die voreiligen Schienbeine bei jenen wegen deren Höhe über dem Deck in akuter Gefahr. Schiffschotten oder Türöffnungen, wie sie eine Landratte benennen würde, sind zu ebener Erde oder Deck, sondern geben gut 30 Zentimeter darüber Einlass in die Aufbauten. Hürdensteigen en Mass, jeden Tag. Und da bleibt es nicht aus, dass... – „Autsch, Scheiβe!“ – Flüche ab und an die allgemeine Bordatmosphäre aufmixen. Die vier Südafrikaner verlassen im Gänsemarsch die Gangway hinunter die BABITONGA. Die ersten Schauerleute, meistens Schwarze bis Dunkelschwarze, angeführt von einem weißen Vorarbeiter, erstürmen uns. An unserer Steuerbordseite vernehme ich eine Schiffssirene kurz aufheulend, sehe dort rüber und gewahre einen Steven beischären. Der Bug zuerst und gleich darauf das gesamte Schiff. Einer der Fischkutter macht Anstalten, längsseits zu kommen. Leinen werden rüber geworfen und auf unseren Pollern belegt. Leichtes Rucken geht durch unseren Kahn, als die Leinen des anlegenden Kutters steif kommen, während einige unserer Leute damit beginnen, Persennige aufzurollen und dann die Luken teilweise abzudeckeln, wie das Öffnen jener im Seemannsjargon benannt wird. Es entstehen Freiräume, durch die die Ladung in die Luken abgefiert werden wird. Inzwischen ist es Mittag, was nicht nur meine 5-Bar-Uhr bestätigt, sondern auch der Magen und die Nase, von Wohlgerüchen aus der Kombüse umweht. Ich schaue einen Augenblick den Hafenarbeitern zu, die über die Einstiegslukensülls in die Laderäume einsteigen, als neben mir jemand hüstelt. Beim Umdrehen erkenne ich unseren Zweiten Ing: „Wie sieht’s aus, Steuermann, können wir die Laderaumkühlung hochfahren?“ – „Können wir, die Arbeiter sind alle gut ausstaffiert und werden mehr schwitzen als frieren, wenn sie die Thunfische stauen. Also los dann, bevor die warme Außentemperatur durch die Öffnungen zwischen den Lukendeckeln in den Laderaum eindringt!“ Der Zweite Ing steigt über durch das Schott, passiert einen kurzen Gang und öffnet die Maschinenraumtür. Und weg ist er, runter in den „Keller“, zurück zu seinem Hauptmotor und seinen röhrenden, nach Öl stinkenden Hilfsdieseln. Einen Augenblick darauf bläst eine schwarze Qualmwolke aus unserem Schornstein, ein Zeichen der neuen Dieselbelastung für die Lukenkühlung. Und während unsere Leute das Ladegeschirr so vorbereiten, dass immer einer der zwei Ladebäume pro Mast über einer Luke des Fischdampfers steht und der andere über einer der unseren, tritt der Dritter Offizier, eine leichte Ausdünstung nach Mittagessen verbreitend, neben mich und murmelt, mehr als er spricht: „Ich löse Sie jetzt ab, lassen Sie es sich schmecken!“ Dann steckt er einen Finger in den Mund und pult Essensreste aus den Zahnlücken. Ein göttlicher Anblick, denn der Mann hat die reinsten Pferdezähne, weswegen ihn einige an Bord „das Gaul“ nennen, Klaus Weber, ‚das’ Gaul, obwohl ‚der’ Gaul bestimmt korrekter wäre. Deutsche Sprache, schwere Sprache, vor allem für die Ureinwohner in der gesamtdeutschen Heimat. Dieser kurze, jedoch sehr wahre Satz fiel mir im Zusammenhang mit unserem damaligen Deutschlehrer der Seefahrtschule ein, welcher dazu noch erklärte: „Meine Wenigkeit kennt im gesamten deutschsprachigen Raum nur sieben, ja, sieben unter achtzig Millionen Leuten, welche berechtigt sind, von sich zu sagen, sie sprächen, schrieben und verstünden perfekt die Sprache Schillers ohne Fremdworteinsatz und Zweideutigkeiten.“ Der gute Mann machte es uns nicht einfach, auch nur ein kurzes Gespräch in korrektem und unmissverständlichem Deutsch an den Mann zu bringen. Wie er es jedoch geschafft hat, Bekanntschaft mit achtzigmillionen Mitbürgern aufzunehmen, blieb unerklärt. Meistens meinten wir nur, es richtig auszudrücken. Er bewies uns immer wieder, dass wir beinahe zur Gruppe der hilfsbedürftigen Analphabeten gehörten. Dies erschien uns damals doch sehr frustrierend. Doch nach Studien in den deutschen Zeitschriften, Zeitungen und dem Fernsehen stellt man dann irgendwann erleichtert fest, dass es so schlimm um einen nicht steht und man unter Hunderten seinesgleichen ist, und das, ohne zu der Gruppe von Redakteuren, Journalisten oder Fernsehsprechern zu gehören, von denen man annehmen darf, sie seien perfekt im Umgang mit der Muttersprache. Die erste Ladung tiefgefrorener Thunfische, die von all dem nichts wissen, deren spitze Köpfe mit ihren starren toten Glubschaugen, aus denen noch immer die Überraschung, gefangen worden zu sein, spricht und die steifen, brettharten ‚Schwalbenschwänze’ der Tiere, die durch die Maschen des Cargonetzes hängen, während die ganze Fracht über unserer Luke drei schaukelt und dann abgefiert wird, denen ist es eh egal. Ich habe vorerst genug gesehen, drehe mich dem Eingang mit seiner Holztür hinter dem offen stehenden Stahlschott zu, die in eben diesem Moment von innen geöffnet wird. Ein blau betuchter Arm, an dessen unterem Teil vier goldene ‚Kolbenringe’ blass glänzen, winkt mir auffordernd zu, und die Stimme unseres Alten raunzt: „Na, man los, Mate, das Futter steht auf dem Tisch!“ Ich lasse es mir nicht zweimal sagen, schiebe mich an ihm vorbei und bekomme auch schon Küchengerüche in die Sensorik. Sollten es diesmal die Rebhühner sein, die wir in Las Palmas zusammen mit dem anderen Proviant an Bord bekamen und bei dessen in Augenscheinnehmen der Kochsmaat ausrief: „Und was sollen wir denn damit anfangen?“ Wobei die Antwort des dabeistehenden Dritten Offiziers, also dem ‚Gaul’ nicht besser ausfiel als: „Machen Sie sich man keine Sorgen um die kleinen Flattermänner, Herr Kiste, die nehmen wir dann später als Köder zum Angeln!“ Es gibt auch heute wieder keine Rebhühner aber dafür Labskaus, da wir Freitag haben. Lesen Sie im Buch weiter! - Bestellungen - Im Buchhandel unter ISBN 978-3-00-035506-6 Am schnellsten per Direktbezug gegen Rechnung beim Herausgeber innerhalb Deutschlands portofrei: Telefon: 040-18090948 oder per eMail: maritimbuch (at) gmx.de
Beladen Vier Tage des Ladevorganges von Land und Seeseite her liegen nun schon hinter uns. Die drei Luken des Schiffes sind halb voll gestapelt mit hartgefrorenem Thunfisch, und nahezu alle Fangschiffe – bis auf drei – haben bei uns abgeladen, als unser Hauptgenerator den Geist aufgibt. Er bleibt qualmend stehen. Das bedeutet, unser Ladegeschirr geht in ‚Urlaub’. Wir versuchen sofort, die Hafenautoritäten zu animieren, uns zumindest einen der Hafenkräne zusätzlich beizustellen. Doch Pustekuchen, bis auf einen sind alle für die nächsten drei, vier Tage mit den Belade- und Endladearbeiten anderer Schiffe beschäftigt und somit unabkömmlich. Der einzige freie ist, genauso wie unser Ladegeschirr, im ‚Urlaub’ wegen Defekts an den hydraulisch bewegten Drahttrommeln. Unserem dicken Chief, seinen Ings und Schmierern, offiziell als Maschinenassistenten in die Besatzungsrolle eingetragen, stehen harte Stunden oder gar Tage bevor, denn, so wie es aussieht, müssen da einige Kolben und alles, was dazugehört, mit Bordmitteln ausgetauscht werden. Was genau, das können die Jungs erst sagen, wenn alles demontiert auf den Maschinenraumflurplatten liegt. Die restliche Besatzung sieht’s mehr gelassen. Die Kompanie in Hamburg spuckt erst Gift und Galle, doch dann sehen es auch die gelassener. Der ‚Lulatsch’ mitsamt seinem kurzbeinigen Anhängsel ist mir während der letzten Tage etliche Male über den Weg gelaufen. Manchmal haben wir uns angeguckt, manchmal nicht, kam auf die Situation an. Inzwischen weiβ ich auch, dass der Mann der Erste Offizier des Kutters namens „HAGANAH“ ist. Es gibt nur einen Chief Mate auf jedem Fangschiff. Und er wird bei unserer nächsten Reise von Kapstadt Richtung Haifa einer der Passagiere sein, genau so, wie alle anderen, die wir bisher, Reise um Reise, einschifften. Im Normfall waren es auf vorherigen Touren nie mehr als sechs Seemänner, denn weiteren Passagierraum und somit Schlafplätze gibt unser Pott nicht her. Die bisher mit uns in Ihre Heimat reisten, hatten meist was gegen das Fliegen, und die diesmal dabei sind, gehören zu dieser Spezies, die da sagt, der Mensch hat nun Mal keine Flügel, kann aber zur Not schwimmen. Nicht nur Ansichtssache. Der letzte Israelikutter trudelt ein und macht mit einigen gekonnten Manövern ohne unsere vorherige Erlaubnis an uns längsseits fest. Es ist eine grün gepönte HAIMA, an der der Rost nagt. Wie sagt man bei uns Seeleuten? „Den Rosteimer hält nur das morgendliche Beten der Seeleute und die wenige Farbe am Rumpf zusammen!“ Mir scheint in meinem Inneren irgendwas an dem Kahn aufzufallen, kleine Alarmklingeln im Gehirn, doch ich kann nicht sagen, was mich dermaβen anmacht. Der Kahn liegt viel tiefer im Wasser, als seine Vorgänger. Die Antifoulinglinie ist nicht erkennbar. Er führt eine Flagge, die nur noch aus ärmlichen Stoffresten besteht, die aber farblich immerhin weiβ und blau ist, für meinen Geschmack mehr blau als weiβ. Mit einem solchen ‚Nationalfeudel’ bekämst du in Deutschland auβer einem Strafzettel auch noch ein Auslaufverbot, bis eine neue Flagge mit den richtigen Maβen am Flaggenstock ausweht oder auch nur traurig und schlapp baumelt, was wiederum auf einem anderen Blatt steht, dachte ich bei mir und entsann mich eines Falles in Cuxhaven, in dem ein Kümo für mehrere Stunden nicht in See stechen durfte, weil die Nationalflagge Deutschlands nicht den vorgeschriebenen Abmessungen entsprach. Allerdings war die Flagge sauber. Das half dem Kapitän aber trotzdem nicht aus der Bredrouille. Das ganze kostete ihn und den Reeder extra Hafengebühren, einen Strafzettel und die Kosten der neuen Insignia Schwarz-Rot-Gold in den richtigen Abmessungen und den noch flüchtigen Gedanken an den Reeder, der seine Schiffe ausflaggen wird, um weitere Angriffe dieser und anderer Art auf seinen Geldbeutel abzuwehren. Dass das Gold der Flagge mehr Gelb als Gold war, führte zu keinem weiteren Strafzettel. Dem Staatsdiener in der blauen Uniform sei es gedankt.
Das Resultat zum Beispiel dieser Flaggenaffäre könnte im Extremfall das Aus für etliche deutsche Seeleute an Bord dieses deutschen Schiffes sein, da es, wie schon viele andere dann künftig mit Philippinos und der Flagge des Inselstaates X rumschippern würde.
Unterdes laufen an Bord dieses Kutters längsseits Leutchen an Deck rum, die mir irgendwie nicht wie Fischer aussehen und von denen einer nachfragt, wann das Beladen weitergeht und wie weit unsere Ings mit der Reparatur sind. Sollte mich jedoch jemand nach den Merkmalen des Typen fragen, so müsste ich bestimmt passen. Die Hafenarbeiter steigen aus den eiskalten Luken, eingewickelt in alte Mäntel, Wollkopfbedeckungen und dicken Handschuhen und gehen an Land. Schwarze Pupillen in weißen Augäpfeln, bleckende, strahlend weiße Zähne, das nahezu Einzige, was diese Figuren als Menschen und nicht als wandelnde Vogelscheuchen oder Filmzombies ausweist. Von unseren Lukenwachen, den Matrosen Ober, Lister und Wolter sehe ich nichts, obwohl ich meine Augen übergebührlich anstrenge. Ich bin einfach zu faul, mir ’nen Mantel anzuziehen, in die Luken abzusteigen und die Jungs zu kontrollieren. Die werden schon von allein an Deck kommen, wenn die dicht gemacht sind. Außerdem ist es saukalt dort unten, da zieht es einen geradezu an und auf das warme Deck. Meine Deckwache als Ladungsoffizier geht dem Ende zu, und ich bekomme vom Ersten die Erlaubnis, mich schnell an Land zu verpissen, was ich ausnutze. An Land verabschiede ich mich bis zum nächsten Tag von Roslyn, so wie es sich gehört für einen fast mit ihr Verlobten in einer zum Abstellschuppen umfunktionierten Garage hinter ihrem Wohnblock auf einer alten Couch, bei der sie oft „ay“ ausruft da irgendeine Springfeder was gegen unsere internationale Verständigung einzuwenden hat. Sie begleitet mich danach noch bis vors Hafentor. Und wieder hatte ich absichtlich vergessen, sie nach der alten Eintragung in ihren Ausweis zu fragen. Colored, Black oder Blanc? Wobei das Letztgenannte so oder so nicht eingetragen wurde damals, denn blanc war Vorschrift, alles andere zählte nicht die Bohne. Mich macht stutzig, dass meine kleine Roslyn zerfahren wirkt, als ich von unserem Missgeschick mit dem Generator berichte und noch einige Tage im Hafen und somit auch mit ihr garantiere. Eigentlich habe ich mit Freudensprüngen, seien es auch nur ganz klitzekleine, gerechnet. Doch nichts dergleichen. Meine Seeleute sind dabei, die ‚Luke drei’ zu schließen, als ich an Bord komme. Als ich über die Gangway an Bord gehe, sehe ich noch den Hintern des ‚Lulatsches’ über unseren Schandeckel hinweg an Bord eines der Fischkutter verschwinden, der auch schon Anstalten macht, die Leinen los zu werfen. Die können nicht löschen, werden also vielleicht versuchen, noch einige Thunfische... Aber nein, ich sehe, wie die einige Manöver später an einer der Fischereipiers neben einem Koreaner anlegen. „Ich habe verlangt, dass die HAIMA von uns freikommt, bevor die uns die Bordwand versauen!“ höre ich unseren Kapitän neben mir sagen. Ich nicke und sage nichts. Die Reparaturen am Diesel und der Hydraulik des Ladegeschirrs dauern ganze zwei Tage. Zwei Tage der schönen Langeweile an Bord, zwei Tage mehr mit meiner ‚Puppe’ an Land, in die ich von Tag zu Tag mehr verliebt bin, die ich irgendwann frage, ob sie mich schon zu lange gesehen und gespürt hat oder was los ist, denn sie will nicht mehr so oft wie ich. Sie antwortet mit der klassischen Kopfschmerzsache und einem langen heiβen und feuchten Kuss, der bei mir wiederum die schon bekannten Reaktionen im unteren Bauchbereich auslöst. Wie herrlich ist es doch jung zu sein. Wir beteuern uns unsere Liebe, die nichts und niemand zerstören kann, geben uns das Versprechen für alle Ewigkeit, Glockenläuten und Brautschleier. Heute ist es geschafft, es ist der 22. Oktober. Das halb verrostete, leicht grüne israelische Fangschiff HAIMA ist leer, liegt mit einem hohen Freibord noch an uns vertäut. Der bisher letzte Thun ist verstaut, unsere Kühlanlagen laufen auf Hochtouren und der Alte schaut von der Brücke herunter an Deck, grüßt mich mit kurzem Kopfnicken. Auf der Steuerbord-Nock sehe ich den Kopf des ‚Ersten’ dessen Haare bei der leichten Seebrise hin und hergezottelt werden. Von der HAIMA herüber, die nur für eine Moment wieder längsseits kommt, wird uns jetzt eine groβe Anzahl Seesäcke, Koffer und sogar längliche Kisten übergeben, deren Inhalte ich gerne inspizieren würde. Es sind die der vier israelischen Passagiere, die uns diese Ladung an Deck stapeln. ‚Nase’ beobachtet anscheinend das darauf folgende Ablegemanöver des Israelis. Die letzten Schauerleute trampeln laut die Gangway hinunter an Land, was ich sogar noch in meiner Kabine gut mitbekomme. Ich beobachte die HAIMA, wie sie von uns ablegt. Mir fällt auf, dass der Kahn keine Freibordmarke besitzt, die an allen seegehenden Handelsschiffen Usus ist, auch bei Fischkuttern. Wir zum Beispiel führen mittschiffs die des Germanischen Lloyds. Ohne diese Marke keine Versicherung, keine Eintragung ins internationale Schiffsregister. Ich werde aber in meinen Gedanken abgelenkt, als mich der Leichtmatrose Hansen anmorst, um mir den Verschlusszustand der Luken zu melden. In Kapstadt besteht wenig Möglichkeit, dass einer von denen als „Stowaway“ im Laderaum zurück bleibt. Erstens, weil es den Leuten hier noch einigermaβen gut geht, zumindest, wenn sie Arbeit haben und die Nationen rundherum betrachten – und außerdem ist es nicht gerade ratsam, auf einem Kühlschiff in einer der Luken versteckt tiefgekühlt diese lange Reise mitzumachen, um dann in Haifa zusammen mit dem Gefrierfisch... Es ist 16 Uhr 45 Ortszeit, wie meine nur reichliche 5 bar aushaltende Armbanduhr mir mitteilt, nachdem ich von Land aus unseren Tiefgang abgelesen habe und mir in meiner Kabine die Klamotten wechsle. Nach all den gehörten Geräuschen, die ich beim diesem Wechsel der Montur von Arbeitsklamotten zur Uniform mitbekomme, wird gerade die ‚Luke drei’ dichtgemacht, und man fiert die Ladebäume ab, bis diese in ihren Halterungen am vorderen Teil der Brückenaufbauten einrasten und dort per Sicherungsbügel befestigt werden. All das sind Geräusche, die man einzuordnen weiß. Die Maschinisten machen die Hauptmaschine klar. Eine schwarze miefige Qualmwolke aus dem Schornstein verkündet es. Inzwischen bin ich an Deck, stoβe um ein Haar mit dem ‚Gaul’, unserem Dritten Offizier zusammen, der in die Aufbauten will und ich durch die gleiche Tür raus an Deck. „Tschuldigung!“ – „Schon gut, Herr Weber, haben Sie den Tiefgang abgelesen?“ und draußen bin ich, ohne seine Antwort darauf mitzubekommen. „Ah, übrigens, die vier israelischen Seeleute sind an Bord!“ höre ich noch so eben, bevor die Tür zufällt. Nun, deren Gepäck hatte ich ja eh schon vor einigen Minuten oder einer halben Stunde gesehen. Ich gehe davon aus, dass man sie inzwischen in ihre Unterkünfte eingewiesen hat und denke dabei an diese länglichen Holzkisten, bei denen mir nicht ganz klar war, was ein Seemann in Holzkisten verpackt mit in den Urlaub nimmt. Ich denke an versteckte Flugabwehrgeschütze, Maschinengewehre oder Sidewinder, verwerfe diese Gedanken jedoch, denn das ist lächerlich und gehört in die Abteilung „James Bond“. Schließlich jedoch fällt mir mein erst vor wenigen Jahren selbst mitgenommenes ‚Mitbringsel’ ein, eine riesige, gut einen halben Meter hohe Topfkoralle aus dem Roten Meer, die bei einigen Zöllnern auf den Flughäfen ein ebenso oder gar gröβeres Erstaunen auslöste, als nun meines bei Ansicht dieses Gepäcks. Angedenk dessen, vergesse ich schlieβlich diese langen Kisten und Kasten. Zwei unserer Leute beseitigten das Fangnetz unter unserer Gangway, während ein Auto vorfährt, aus dem drei Polizisten und der Reedereivertreter aussteigen. Ausklarierung. Das Ganze dauert nicht mal eine viertel Stunde, und die vier brausen wieder davon. Der Hafenlotse kommt die Pier entlang zu Fuß, und kaum ist er an Bord, nehmen unsere Leute die Gangway weg. Wir sind klar, und ich trage das Auslaufdatum 22 Uhr 10 sowie die Tiefgangsablesungen an Bug und Heck und die Berechnung des mittleren Tiefganges und dazu auch die Namen der Passagiere in das Bordtagebuch ein. Passagier Joshua Sukkot (rothaarig und Muttermal im Genick) Passagier Joel Jaffna ( grünblaue Augen, dunkler Teint, dunkelblond) Passagier Ariel Menehem (etwas dicklich, dunkelbraune Augen, schwarzhaarig) Passagier Eytan Herzl (1,85 m groβ, braune Augen, schwarzhaarig, sympatisch) Einmal alles erledigt, trabe ich nach vorn zur Back. Von dort aus, erhöht stehend, sehe ich Roslyn am Hafentor. Ich winke ihr zu, wobei einer unserer Matrosen mitwinkt. – Arschgeige! Die Vorspring hilft uns, das Schiff von der Pier mit eigener Maschinenkraft abzukanten. Dann, als der Winkel zur Pier groß genug ist, Maschine volle Kraft zurück, Spring los, Fender an Deck. Das Heck schiebt schwerfällig durchs Wasser, die BABITONGA kommt schwerfällig, jedoch stetig, von der Pier frei. – Ruder hart Backbord. Wir drehen. – Maschine Stopp! Ruder hart Steuerbord! – Volle Kraft voraus! Wir stoppen auf, gewinnen dann erst langsam Fahrt voraus, während das Hafenwasser zu Schaum geschlagen wird, in dem auch eine groβe Menge von Holz, Fischleichen und Plastikabfall herumwirbelt. Der Vorsteven dreht langsam nach Steuerbord, nimmt die Hafeneinfahrt aufs Korn. Wieder einmal hat der Alte es vollbracht, keine Hafenschlepper benötigt zu haben. Wird die Reederei es ihm danken? Vor uns fährt eines der israelischen Boote, umrundet die Auβenmole und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Einige Leute auf dessen Achterschiff winken. Stand da nicht der ‚Lulatsch’ auf der Brücke und schaute achteraus? Was soll’s. Ich sehe auf dem Peildeck des Kutters vier mir nicht vertraute Figuren stehen, die beidarmig winken, unsere israelischen Passagiere beglückend, die wahrscheinlich wegen der Höhe des Decks über der Brücke ihre Kameraden auf dem Fangschiff noch immer sehen können, obwohl jenes gerade den Kopf des Wellenbrechers und den grünen Leuchtturm darauf umrunden. Zwei unserer Matrosen machen die Lotsentreppe klar, und zehn Minuten darauf verlässt der Lotse auβerhalb des Hafens unseren Pott. Voraus am Horizont erkenne ich eine riesige Wolkenbank, hauptsächlich tief hängende, graue, sich ständig bewegende Massen, die ein plötzliches Ändern der vorherrschenden Windrichtungen anzeigen, durch die lange Lichtfinger durchstoβen, in das gleißend daliegende Meer eintauchen und ein wahres Lichtbombardement entfachen. Ich verlasse unterdessen das aufgeklarte Achterschiff und begebe mich in die Messe, schluck ’nen Kaffe runter, puste mir ’ne steuerfreie Zigarette durch die überstrapazierten Lungenflügel. Langsam trudeln alle Seeleute ein. Einige trinken Kaffee, andere rauchen und quatschen, ziehen die letzten Erlebnisse Kapstadts durch. Ich habe noch eineinhalb Stunden Freiwache. Unser Kahn geht auf 321 Grad mit Kurs auf Dassen Island, das wir kurz vor meinem Wachbeginn erreichen werden, so, wie schon drei Reisen vorher. Unweigerlich denke ich, wie immer, wenn der Vorsteven diesen Kurs einschlägt, an das Warum und Weshalb dieser Umrundung Afrikas, wenn doch der Weg durch den Indischen Ozean, das Rote Meer und den Kanal von Suez um gut und gern 1.660 Seemeilen kürzer ist, als der, den wir einschlagen. Und immer wieder denke ich darüber nach, ob die vor drei Reisen gegebene Antwort des inzwischen abgelösten damaligen Kapitäns, der Charterer stehe auf der speziellen Abschussliste Bin Ladens und der Terroristen der Al Qaida, noch Geltung hat oder nicht mehr. Warum ich exakt daran und zu eben diesem Zeitpunkt denke, das kann ich nicht sagen, ebenso wenig wie der Kapitän damals und zu jenem Zeitpunkt. Wir sollten jedoch vermeiden, je den Küsten des Yemen, Sudans oder Saudi Arabiens in einem Abstand von weniger als 200 Seemeilen nahe zu kommen, das stand eindeutig fest. Es blieb uns also nichts übrig, den längeren Weg einzuschlagen. Und da der Kunde König ist und zahlt, hat unsere Kompanie in Hamburg nie ein Veto eingelegt. Als ich aus der Messe komme, begegnet mir unser Kapitän, der freundlich, wie immer, lächelnd grüßt und um eine Gangecke verschwindet, ohne mich zu einem Gespräch herauszufordern, was nicht ganz normal ist und mich leicht verwundert. In meiner Kabine angekommen, sehe ich auf meinem kleinen Schreibtisch einen gelben Briefumschlag deponiert, der gewiss vor dem Auslaufen nicht dort gelegen hatte. Zumindest wurde er meinerseits nicht bemerkt, trotz seiner auffallenden, ja, für einen Briefumschlag anormalen Farbe. Ich bin neugierig und etwas verunsichert, denn meine geschlossene Kabinentür sollte doch eigentlich jegliches Eindringen verhindern, so, wie es unsere ungeschriebenen Gesetze empfehlen. Und dennoch hatte es jemand gewagt, dagegen anzustinken. Ich mache den Brief, auf dem natürlich kein Absender verewigt ist, auf, falte das weiße DIN-A5-Blatt auseinander und lese überrascht als Anrede: SHALOM! Der weitere in Englisch abgefasste Text lässt sofort erahnen, wer mir dieses ‚Ei’ ins Nest legte, denn er geht mit einigen Worten auf Begebenheiten in Kapstadt ein, die nur die nahen Beteiligten wissen. Der ‚Lulatsch’! Um es kurz zu machen. Der Israeli stellt sich als Offizier einer Spezialtruppe der Terroristenabwehr, einer Unterabteilung IV-S innerhalb der Shin Bet, vor, deren Namen er mich bittet, nicht bekannt zu geben, nicht an Bord, nicht in Haifa. Sollte ich dies jedoch aus irgendeinem Grund nicht unterlassen, so nützte es mir eh nichts, denn nur sehr wenige Menschen in Israel oder sonst wo in der Welt wissen von dieser Truppe. Weiter teilt er mir mit, dass es an Bord eines oder mehrerer der Fangschiffe arabische oder palästinensische Terroristen gibt und die Möglichkeit besteht, dass an Bord unseres Schiffes ein oder zwei der angeblichen israelischen Passagiere dazugehören. Er beschreibt mir sehr ausführlich deren Aussehen, lässt jedoch nicht unerwähnt, dass ihm die letzten Evidenzen zur einwandfreien Erkennung der Typen fehlen und er aus eben diesem Grund seine Leute in der Zentrale auch nur in etwa unterrichten konnte. Doch alle sind von der HAIMA, die aus unerklärlichen Gründen, was anderseits seinen Verdacht verstärkte, einen Schreibfehler im Schiffsnamen ausweist. Eigentlich müsste der Rosteimer „HAIFA“ oder besser „HEFA“ heiβen. Leider war es ihm aus Zeitmangel versagt, den Dingen auf den Grund zu kommen. Außerdem stellt er mir in Aussicht, uns demnächst wieder zu sehen oder zu hören, ohne jedoch einen Zeitpunkt anzugeben, noch wo oder wann dies stattfinden wird. Und das Wichtigste, er gibt mir den Grund bekannt, warum gerade ich der Auserwählte bin, in diesem Spiel der Mittelstürmer zu sein, nämlich Roslyn, die ich, Jan Huber, zweiter Offizier der BABITONGA oft schlicht und einfach zärtlich Lyn nenne. Lesen Sie im Buch weiter! - Bestellungen - Im Buchhandel unter ISBN 978-3-00-035506-6 Am schnellsten per Direktbezug gegen Rechnung beim Herausgeber innerhalb Deutschlands portofrei: Telefon: 040-18090948 oder per eMail: maritimbuch (at) gmx.de Eine Seefahrt die ist lustig, eine... Wir haben nach gut 4.000 Seemeilen Dakar und schließlich Cap Blanc passiert und nehmen neuen Kurs mit 17º auf Las Palmas, 450 Meilen voraus. Unser Bordleben lief bisher ab wie immer. Wache schieben der Offiziere und bordeigene Büroarbeiten. Rostklopfen, Malen, Laderaumtemperaturen checken und ebenfalls Wache schieben durch dafür auserkorene Seeleute. An Roslyn denken. Was macht sie wohl gerade? Wenn wir nicht soweit von der Küste entfernt wären und wenn die dort Mobiltelefon-Antennen hätten und wenn... Schach- oder Pokerspiele während der Freizeit. Manchmal ein Buch aus der in Las Palmas von der dortigen internationalen Seemannsmission ausgetauschten Bordbücherei lesen. Und nachts, weil anderes nicht greifbar ist, auβer vielleicht, und das mit viel Glück, ein abgegriffenes „Only for Man“ oder gar „Playboy“, das so genannte „Fünf gegen einen“ mit dem Endergebnis zig Tausender möglicher Babis im Tempotaschentuch und das Verlangen nach meiner Lyn, ihrem Mund ihren Brüsten und anderen (mehr oder weniger) Weichteilen. Ich habe mir vielleicht zwanzig Mal diesen Brief mit der Anrede „Shalom“ und dem darauf folgenden englischen Text durchgelesen, und zum zwanzigsten Mal fragte ich mich selbst, ob es richtig wäre, zumindest unseren Alten vom Inhalt zu unterrichten entgegen der im Brief ausgesprochenen Bitte, dies nicht zu tun. Zwanzig Mal wanderte das Papier zurück unter die Matratze meiner Koje, bei unseren Brüdern der Kriegsmarine auch „Bock“ genannt, wobei mir persönlich bisher nicht ganz klar ist wieso Bock und nicht Ziege. Und zwanzig Mal war mir nicht wohl dabei. Der Grund, einer der Passagiere sollte – laut Papier – ein untergeschobener arabischer Terrorist sein und der Al Qaeda, Al Qaida oder Al Quaida angehören. Das Dolle daran, der Typ war gut von den anderen dreien unterscheidbar, hatte doch nur er rostrote Haare, die mir bei allem Respekt vor dieser Haarfarbe schon einmal bei einem Seemann untergekommen waren und mich an etwas nicht sehr Angenehmes, wie es eben eine vor einiger Zeit durchstandene Grippeepidemie zu sein pflegt, erinnert. Abgesehen vom Aussehen zeichnet den Mann noch etwas ganz anderes aus: ein Muttermal im Genick. Er ist ein enorm erfolgreicher Pokerspieler, was uns tagtäglich von neuem vorgeführt wurde und wird, wie heute Abend zum Beispiel. Der verdächtige heißt Joshua, und Joshua sitzt wie fast jeden Abend mit mehreren anderen, unter denen sich immer auch Leute unserer Crew befinden, an einem der Messetische und spielt um den alltäglichen Einsatz, der statt Geld aus Zigaretten besteht. Mindesteinsatz: ein Glimmstängel, vertreten durch ein Streichholz. Ein Höchsteinsatz wurde bisher nie festgelegt. Und Joshua war dato so gut, dass er mehrere Stangen á 200 Zigaretten lagert und dies nach nur wenigen Tagen auf See. Bis zur Ankunft in Haifa würden es zig Kartons á 24 Stangen sein und für ihn das Problem des Vonbordschaffens auftreten, was ihn jedoch derzeit nicht zum Schwitzen bringt, denn er gewann und gewinnt nahezu ununterbrochen. Ich sitze zehn Minuten vor meinem Wachantritt etwas abseits des Geschehens Kaffee trinkend an einem anderen Messetisch, höre, mehr als ich sehe, was dort so abläuft. Einige der Spieler sind leicht aus dem Häuschen, denn der „Superspieler“ hat gerade eine Menge Glimmstängel nicht gewonnen, sondern verloren, und ich vernehme so nebenbei das Wort „schweye, schweye“, offenbar der Stimme her von Joshua ausgerufen. Ich blicke zum Tisch hinüber genau in die Augen des rothaarigen Israeli und meine, eine leicht erschrockene Reaktion seinerseits zu erkennen. Er wendet seinen Blick sofort wieder auf den Tisch vor ihm. Und bei mir schrillen sämtliche Alarmanlagen in Gehirn. Drei Sprachen beherrsche ich einigermaβen – und von einigen – fünf oder sechs – sind mir einige Worte oder Ausdrücke geläufig. „Schweiye“, so wie es in meinen Ohren klingt, ist Arabisch und bedeutet so viel wie langsam oder mit der Ruhe. Joshua befahl sich selbst zu Ruhe, nicht auf Hebräisch wie man es von einem Israeli erwarten könnte, sondern auf Arabisch. Das ist der ‚Hammer’! Ich bemerke, wie mir die Hände leicht feucht werden. Könnte der Briefe schreibende ‚Lulatsch’ Recht haben? Wenn ja, was läuft hier ab? Soll ich den ‚Großalarm’ auslösen? Und wenn alles nur ein Unfug und Missverstehen ist oder ein Ausruf, der unter allen im Nahen Osten Lebenden benutzt wird, was dann? Ich schaue auf die Messeuhr, und die lässt mir keine Zeit. Ich muss zur Brücke rauf, den anderen Wachoffizier ablösen, denn es ist 19 Uhr 55 Bordzeit. Ich werfe noch einen Blick auf den Tisch, an dem die Spieler neue Karten aufnehmen. Welche Karten habe ich? Wenig später in den Kartenraum stiefelnd, sehe ich wie ‚Nase’ gerade die letzte Position in die Seekarte einträgt und vernehme, wie er mich begrüßt: „Guten Abend, Herr Huber!“ Er unterrichtet mich gleich anschlieβend über die zu erwartende Wetterlage für die nächsten 24 Stunden nach Voraussicht-Meldung der Küstenfunkstelle. Außerdem verweist er darauf, dass die letzten Temperaturmessungen in den Luken normale Werte anzeigen, so, wie es die Wachmatrosen beim persönlichen Begehen der Kontrollgänge innerhalb der Laderäume von den Messgeräten in den Kontrollgängen abgelesen haben. Alles in Allem stinknormal. Ich höre mir alles jedoch nur mit halbem Verstand an, denn ein Teil meiner Neuronen beschäftigt sich mit dem Typen, der Joshua heißen soll und wahrscheinlich ein arabischer Terrorist sein könnte, der mit mir noch unbekanntem Auftrag an Bord der BABITONGA platziert wurde. Der ‚Erste’ spürt, dass mit mir ’was nicht in Ordnung ist und fragt auch sofort: „Sind Sie krank, Herr Huber, fühlen Sie sich unwohl?“ Ich verneine dies, und er blickt mich noch mal prüfend von der Seite her an, geht dann in Richtung Niedergangstür und verabschiedet sich mit dem üblichen „Gute Wache!“ was ich meinerseits mit „Gute Ruhe!“ beantworte. Ich bin allein in der Brücke – bis auf einen Matrosen meiner Wache, der in der Steuerbord-Nock steht und gegen die untergehende Sonne vorausschaut, dann mich ansieht und „Guten Abend, Steuermann!“ ruft, um gleich darauf in die Brücke einzutreten, eines der ’rumliegenden Ferngläser in die Hände nimmt und nach einem Blick durch jenes mir folgende Meldung macht: „Herr Huber, recht voraus ein Entgegenkommer!“ Im gleichen Augenblick erkenne auch ich ohne ‚Kieker’ diesen klitzekleinen schwarzen Buckel, nicht größer als ein Stecknadelkopf über dem dunkler werdenden Horizont. „Das mit dem Entgegenkommer ist ja wohl ein bisschen voreilig. Oder nicht, Herr Bergistrain?“ Der Matrose sieht mich mit großen Augen an, macht den Mund auf und sofort wieder zu. Was ist denn nun los? „Abend, Herr Huber!“ höre ich die unverwechselbare Stimme unseres Kapitäns in meinem Rücken. Ich verstehe nun, weshalb der Matrose außer einer Mundbewegung nichts weiter Hörbares von sich gab. „N’ Abend, Herr Kapitän!“ Der Matrose Bergistrain nimmt wieder seinen Platz in der Nock ein, das Fernglas um den Hals gehängt. „Wie sieht’s aus, Mate? Alles paletti? Keine besonderen Vorkommnisse?“ Jetzt ist es an der Zeit, den Alten einzuweihen, geht es mir durch die ‚Birne’. Aber dabei bleibt es dann auch. Wieso und weshalb ich ihn nicht unterrichte? Ich weiß es nicht. Benötige ich noch mehr Evidenzen oder Beweise? Möglich! „Alles bestens, Herr Kapitän!“ höre ich mich sagen. „Voraus haben wir ein Fahrzeug, von dem noch nicht klar ist, ob es ein Gegenkommer, Mit- oder Querläufer ist.“ – „Machen Sie doch das Radar an, Mate!“ – „Solange ich das Objekt mit den Augen verfolgen kann und kein Nebel die Sicht beeinträchtigt, warum?“ – „Ganz wie Sie es für nötig halten, Herr Huber, es ist Ihre Wache!“ Er dreht noch einige Runden in der Brücke und den Nocken und steigt wenige Minuten später die äußere Stahlleiter zum nächsten Deck, dem seinen, hinunter. Inzwischen ist die Sonne soweit am Horizont verschwunden, dass ich unsere Positionslichter einschalte und im gleichen Augenblick auch die des anderen Fahrzeugs erkenne. Ein Gegenkommer. Grün auf der einen Seite, seine rechte Seite, zwei weiße Lichter hoch übereinander, die der beiden Masten und rot auf der anderen Seite, was gleich links bei ihm ist. Ich bemerke aus den Augenwinkeln, wie die Augen meines Wachmatrosen auf mir herumhacken. „Sie haben gewonnen, Señor Bergistrain!“ Der Mann ist, an seinem Gesichtsausdruck abzulesen, offensichtlich befriedigt. Und so vergeht der Rest des Tages. Morgen Abend müssten wir nahe Las Palmas sein und am darauf folgenden Morgen im Hafen zum Treibstoffbunkern. Und über uns ein sternenklarer Himmel, von Zeit zu Zeit durchpflügt von Kometen diverser Intensität, doch glasklar. Ein Himmel, so nahe scheinend, dass man ihn anfassen will. Vor uns erscheinen mehr und mehr Fahrzeuge auf Gegenkurs. Das Meer ist übersäht von ihnen. Und dann das zu den Positionslichtern erscheinende grüne Licht in den Masten. Scheiβe! Fischer mit Schleppnetzen, mindestens zwanzig oder dreißig von denen. Nebeneinander, hintereinander die See leer fischend. Hinter denen nichts mehr, was noch fangwürdig wäre. Raubbau in Perfektion und die Art der Russen, auf diese Weise alles abzufischen. Irgendwo liegt ein riesiges Fabrikschiff, auf dem die Kutter dann ihren Fang löschen, der von vielen afrikanischen Staaten als ein Raub ihrer Fischbestände angeprangert wird. Ich sehe mich gezwungen, auf See auszuweichen, also Backbordruder so, wie es die internationalen Regeln zwingend vorschreiben. Eine gute Stunde später haben wir den Pulk hinter uns, und ich gehe wieder auf den alten Kurs. Etwa fünfzig Minuten vor meinem Wachende um Mitternacht erscheinen über dem Horizont diverse neue Positionslichter, derer ich gewahr werde, während ich gedenke, mir den letzten Kaffe aus der Kanne einzuschenken. Noch ’ne Fangflotte? Zwanzig Minuten darauf ist klar, dass es keine Fischereifahrzeuge sein können, denn der Pulk steht zu weit auseinander, und eines der Fahrzeuge ist riesig, wie ich schon aus der obwohl noch großen Entfernung an der Höhe der weißen Toplichter sehen kann. Als mein Ablöser, unser Dritter Offizier Klaus Weber, der mit den übergroßen Zähnen, auf der Brücke erscheint, steht es für mich fest. Auf uns zu kommt ein Verband von Kriegern, in deren Mitte ein Flugzeugträger läuft, was die zeitweise aufblitzenden Feuerlanzen der startenden Maschinen verraten. Als ich grüßend die Brücke verlasse, sind die Kriegsschiffe noch gut drei, vier Meilen voraus. Bevor ich meine Koje besuche, kann ich durch eines meiner Kabinenfenster meiner dunklen Kabine die riesige Silhouette des Trägers querab in der schwarzen Nacht erkennen. Einige Minuten darauf schaukelt mich die von der Riesenmasse des Trägers weggedrückte See in den Schlaf. Über mir zieht eine 737 mit einer entschlossenen, doch weinerlichen Roslyn an Bord durch das Firmament in Richtung Madrid, was ich weder ahne, erwarte oder mir gar vorstelle. Lesen Sie im Buch weiter! - Bestellungen - Im Buchhandel unter ISBN 978-3-00-035506-6 Am schnellsten per Direktbezug gegen Rechnung beim Herausgeber innerhalb Deutschlands portofrei: Telefon: 040-18090948 oder per eMail: maritimbuch (at) gmx.de
Lesen Sie im Buch weiter! - Bestellungen - Unvorhergesehenes Um kurz vor acht Uhr morgens, ich sitze gerade in der Messe vorm Frühstück – vor mir ein kleines Steak unter einem wabbeligen Spiegelei – und begucke mir den herrlich runden ‚Achtersteven’ der Frau Chiefingenieur, welche, den hübschen Oberkörper leicht vornüber geneigt, durch die Essensluke zur Kombüse rein lugt. Gerade in diesem Moment geht unsere Rücksprechanlage an, und der Dritte, ‚das Gaul’, ruft den Alten und mich dringend auf die Brücke. Ich stoße im Niedergang fast mit unserem ‚Kapi’ zusammen. „Was ist ‚am Bach’?“ fragt er mich, was ich nur mit einem Schulterzucken beantworten kann. Wir kommen fast gleichzeitig oben an, stiefeln durch den Kartenraum und betreten das Ruderhaus, in dem überraschenderweise sogar der Erste Offizier anwesend ist und durch ein Fernglas guckend vor einem der Brückenfenster steht. Er dreht sich zu uns um und sagt: „Eben haben uns amerikanische Kampfflieger auf dem VHF Kanal 16 informiert, dass fast genau auf unserem Kurs ein von Spaniern und Afrikanern so genannter Cayuco oder Piroga rumschippert!“ – „Was ist ein Cayuco-Piroga?“ fragt unser Kapitän sofort nach. „Keine Ahnung, aber es sollen sich mehrere Leute darauf befinden!“ – „Herr Fundt, fragen Sie bei den Amis nach, was ein Cayuco ist!“ Urplötzlich haut es uns fast von der Brücke. Ein unbeschreiblicher Lärm. Instinktiv ducken wir uns alle, ausnahmslos. Zwei oder drei Jagdflugzeuge rasten dicht über dem Wasser an uns, von achtern her kommend vorbei und bevor wir reagieren können, sehen wir sie steil in den blauen Himmel hinein schieβen. Es sind sogar vier. „German Merchand Ship BABITONGA, hier die Fighting Falcon Gruppe, die sie gerade passierte. Hören Sie mich?“ haut es überlaut, natürlich auf Yankee-Englisch aus dem Lautsprecher. Im UKW-Lautsprecher knackt es als Zeichen, das der Anrufer die Sprechtaste losließ. Ich stehe am nächsten zum Gerät und nehme den Ruf an. „An die amerikanischen bull shit Maschinen, die uns fast versenkt haben: Hier M/S BABITONGA, es spricht der Zweite Offizier, was gibt’s?“ – „Excuse, Sire, habe nicht an diesen Effekt gedacht. Excuse, please! Mein Name ist Oberstleutnant Mike Coaster, Gruppenführer dieser Staffel. Sie haben recht voraus in ungefähr 12 Seemeilen ein Langboot mit bestimmt 100 Menschen an Bord. Die spanischen Küstenstationen sind unterrichtet. Bitte checken Sie die Lage und Meldung an Las Palmas Radio, over!“ – „O.K., bestätigt!“ sage ich gerade, als der Matrose der Steuerbord-Nock mit einem Arm voraus weist und ausruft: „Da sind sie!“ Ich jedoch behalte einen Namen in meinem Hirn: Mike Coaster. Die Zeit verrinnt. Fast eine Stunde später haben wir das, was die Einwohner an Afrikas und zunehmend auch an canarischen Küsten ein Cayuco nennen, in nur wenigen Metern an unserer Leeseite, die den Leuten da unten einigen Schutz gibt, wenn auch nicht den, den sie gerne hätten, denn das Holzgefährt schlingert und stampft gewaltig in einer See, die jedoch für unseren Kahn als mäβig anzusehen ist. Gut 100 pechschwarze oder zumindest dunkelbraune Gesichter sehen zu uns aus einem langen, baumstammartigen, bunt bemalten, schmalen Gefährt herauf an und bitten mit der in aller Welt bekannten Zeichensprache des Essens oder Trinkens um Hilfe, wobei sie ihr instabiles Gefährt in große Kentergefahr bringen, da mehrere der dunkelbraunen Leute, von denen einige Hemden von bekannten europäischen Fuβballclubs tragen, wild gestikulierend aufstehen. Jetzt wissen wir alle was ein Cayuco ist. In wenigen Zeitungsberichten wird es langsam aber stetig auch in unseren deutschen Breitengraden als Piroga bekannt. Fast die gesamte Besatzung der BABITONGA steht an Deck, einschlieβlich unserer vier israelischen Passagiere und pliert über das Schanzkleid. Wir versuchen mit denen da unten in Englisch klarzukommen, was nur schwerlich gelingt, denn die Schwarzafrikaner, Farbige oder Neger, wie immer man das sieht oder rein politisch korrekt aussprechen will, palavern anscheinend nur ihr Stammesdialekt, in dem ab und an ‚Allah’ vorkommt oder im besten Fall gebrochenes Französisch. Mit beiden Sprachen können wir nicht dienen, bis urplötzlich einer in Französisch etwas zu dem Boot hinunter ruft. Ich schaue an Deck und erkenne die roten Nackenhaare und ein rot-braunes, ovales Muttermahl unter dem Haaransatz meines speziellen Israeli, der per Handzeichen und mit französischen Brocken die Verständigung aufnimmt. Inzwischen höre ich auch, dass unser ‚Erster’ Radiokontakt mit einer anderen Station hergestellt hat. „Die Spanier kommen mit einem Hochseerettungsschiff, um die „indocumentados“, also Passlosen, wie die Afrikaner in diesen Breitengraden genannt werden, in den nächsten Hafen zu geleiten. Wir sollen bitte nur noch so lange auf der Position verbleiben, bis die hier sind. Wir sollen keine Leute aus dem Cayuco bei uns an Bord nehmen, es sei denn, es bestünde eine akute Sinkgefahr des Bootes“, grollt unser Kapitän nach Rücksprache mit dem Ersten Offizier, dem Herrn Fundt. Inzwischen hat der Rothaarige herausbekommen, dass die im Boot auch zwei Kleinkinder an Bord haben und deren Mutter, aus Mali stammend, nicht gerade in bester Verfassung ist. Es erscheint unser Koch mit diversen Plastikgefäβen in den Händen an Deck und hinter ihm einer der Stewards, die Wasserflaschen herbeischleppen. Der Bootsmann kommt mit einem Netz, unserem Gangwaynetz angeschleppt, wie ich sofort erkenne. Drei unserer Seeleute beginnen, die Verpflegung und Wasserflaschen in das Netz einzuladen, was dann mit Hilfe vieler Hände über die Bordwand in das Cayuco abgelassen wird. „Da kommt das Küstenschutzboot!“ hören wir den Matrosen Wolter aus der Brückennock rufen und mit einem Arm voraus in die See zeigen. Eine halbe Stunde später macht unsere Hauptmaschine wieder Fahrt voraus, während die spanische Guardia Civil und ein Hochseerettungsboot das Cayuco mit langsamer Fahrt in Richtung der Inseln begleiten. Mir kommt in den Sinn, über all das nachzudenken, was ich jetzt sehe und erlebe oder schon irgendwann vor nicht langer Zeit gelesen habe. Das wievielte Cayuco mit Kurs auf die Canaren in diesem Jahr? Wann werden es etliche von ihnen mit hundert Menschen an Bord pro Tag sein? Wie viel Elend muss ein Menschen vor der Flucht aus seiner angestammten Umwelt erleben, um einen Entschluss zu fassen, der tödlich ausgehen kann, sei es, in der Wüste vor Durst zu verrecken, bevor sie sich einschiffen können oder in der Weite des Süd-Atlantiks zu ersaufen? Woher bekommen die das Geld, um die Zwischenhändler und Bootsbesitzer dieses Sklaventourismus’ zu bezahlen? Wie viel Menschen aus allen elend-armen Regionen der Welt kann Europa verkraften, ohne daran selbst zu ersticken? Warum immer der Drang nach Europa, wieso invadieren die nicht in Saudi-Arabien, was doch auch nicht arm ist und in den meisten Fällen auch noch der gleichen Religion zugehört? Was steckt dahinter? Gibt es einen europaumfassenden, seitens muslimischer Staaten erstellten Plan? Oder ist all dies nichts weiter als ein Überlebenwollen gepeinigter Zukunftloser, an deren Misere die reichen, oftmals ehemaligen Protektorats-Nationen nicht wenig Schuld haben? Wieviel eingeschworene Feinde, wieviel ebenso eingeschworene Freunde holt Europa sich in oder auf den Kontinent? Sind diese Menschen die Vorhut von islamischen Armeen, deren Generale als reiche Muslims Besitztümer in Hülle und Fülle von bankrotten Christen gekauft und eingesackt haben, unter denen sich sogar Burgen und alte Festungen in Spanien oder Frankreich befinden sollen? Wer trennt und wie trennt man die Spreu vom Weizen? Wann nehmen die undokumentierten Billigkräfte in Europa Überhand und verdammen die lahmarschigen, wohlgenährten, gewerkschaftshörigen und dem Arbeitgeber zu teueren westeuropäischen Ureinwohner zur erzwungenen Arbeitslosenhilfe aus leeren Kassen? Die Politiker wissen, wann und wie? Geht es allen Europäern so saugut, dass man sie problemlos vergessen kann, da niemand unter Brücken schlafen und sein Mahl aus Müllcontainern ergattern muss? Ein tägliches Katzen- oder Hundefuttermahl, gerade noch erschwinglich für zig Tausende von runtergekommenen Rentnern, ist passé; hat es nie gegeben und wird es nie geben? Wann ist Europa nicht mehr das einst weiβe und christliche Europa von heute? Wird meine süβe, jetzt zweijährige Enkelin in nicht ferner Zukunft einen Shador oder gar Niqab tragen müssen? War der 800jährige antiislamische Kampf der Ritter Spaniens nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was kommen kann und wird, wenn das so weitergeht? Sehe ich das alles verkehrt, in Panik oder sozialpolitisch nicht vertretbar oder sind wir als untergehende Gesellschaft noch gut bedient, wenn nur das Erwähnte geschieht und nicht noch viel mehr? Nehmen unsere, den Ankommenden wohl gesonnenen Politiker all die ‚farbigen’ Menschen persönlich bei sich zu Hause auf und geben ihnen Brot und Arbeit oder verdammen sie sie zur Untätigkeit wegen fehlender Papiere, was über kurz oder lang zu mehr und mehr Diebstählen, tätlichen Übergriffen oder gar Mord und Todschlag führen kann, da diese Menschen ja täglich von irgendwas leben müssen? Meine Gedanken werden durch irgendwas unterbrochen und ich schaue hinauf in den strahlend blauen Himmel. Das dort oben ist der Grund der Gedankenunterbrechung. Hoch über uns drehen die Jagdflugzeuge Schleifen, gut an den Kondensstreifen zu erkennen. Auf dem UKW-Kanal 16 erhalten wir plötzlich noch einen Anruf von denen. Mike entschuldigt sich und seine Leute nochmals wegen dieser Tieffliegerei und gibt der Hoffnung Ausdruck, dass diese Angelegenheit unter uns bleibt. Er sagt es nicht direkt, aber ‚durch die Blume’. Ich gehe allerdings davon aus, dass irgendeine Militärstation, wahrscheinlich die bestausgerüstete Luftbasis auf Lanzarote namens Guacimeta diese Manöver im Radar sowie Radio mitbekommen hat, was für den Piloten Mike als Gruppenchef nur von Nachteil sein kann. Unser ‚Kapi’ ist der gleichen Meinung. Kurz vor meinem Wachantritt laufen wir in Las Palmas, unserem Bunkerhafen, ein, in dem zig russische und chinesische Frachter liegen, die von den afrikanischen Küsten von Somalia bis Marokko mittels Fischkuttern eben diesen Nationen gestohlenen, jetzt tiefgefrorenen Fisch gut verpackt und falsch etikettiert auf Frachter verladen, derweil Frachter mit chemischen Abfällen, die nirgendwo sonst angelandet werden dürfen, auslaufen und irgendwelche afrikanische Küsten ansteuern, an denen diese hoch giftige Fracht billig in die See geschüttet wird, aus der dann diese Fische stammen, die hier tiefgefroren verladen werden. Die spanischen Behördenvertreter stehen sehr offiziös dabei, machen Striche auf Papieren, die das Ganze offiziell als chinesische oder russische Ware deklarieren, obwohl sie genau wissen, dass das nicht stimmt; nicht stimmen kann, denn blöd sind die nicht. Die toten, hartgefrorenen Filets haben keine Meinung dazu, denen ist es eh egal, ob sie, einmal gefroren und chemisch belastet, später gebraten oder gegart in europäischen oder asiatischen Mägen verschwinden. Mahlzeit! Der Kreis ist geschlossen. Und an die Küstenfischer Afrikas, die nur noch leere Fangplätze vorfinden, an die denkt kein genüsslich kauender Wohlstandsbürger vor dem Fernseher, auf dem gerade Elendsbilder mit vollbesetzten Fischercayucos vorbeiflimmern, aus denen hundert oder zweihundert weiβe Augäpfel aus dunkelbraunen Gesichtern schauen und auf ein besseres Leben in Europa hoffen, weiβe Perlmuttknöpfe in braunem Samt. Wir machen an der Ölpier fest und werden Minuten später schon mit schwarzklebrigem Schweröl bebunkert. Auf der anderen Seite der Bunkerpier liegen zwei stark verrostete russische Trawler, deren Besatzungen seit Monaten keine Heuer erhalten haben und die von ‚Stella Maris’, der katholischen Seemannsmission, verpflegt werden, bis irgendeiner bereit ist, die Wracks aufzukaufen, inklusive Seeleute, wie uns der Hafenlotse verklart. „Die hatten es im Kommunismus besser“, meint unser Erster Offizier, der neben mir stehend genauso wie ich zu den Russen rüber sieht. Die Leute der Freiwache toben an Land und lassen für einige Stunden den ‚Bär’ los. Die Landgänger trudeln drei Stunden später einer nach dem anderen wieder ein, mehr oder weniger angeheitert und melden sich zurück, soweit sie dazu in der Lage sind. Der Matrose an der Gangway hakt die Besatzungsliste ab. Zwei der Passagiere sind die Letzten, die an Bord kommen. Einer der beiden ist der Rothaarige, den ich so aus dem Augenwinkel erkenne, als ich meine Station zum Loswerfen aufsuche, während die Gangway seefest gelascht wird. Insgesamt fünf Stunden nach dem Festmachen in Las Palmas setzt M/S BABITONGA voll bebunkert die Reise fort. Und wie es der Deubel will, stiefelt der Rothaarige später vor mir den Mannschaftsgang zur Messe hin entlang. Ich sehe genau in sein Genick und stutze. Da fehlt doch was? Wo ist das ovale Muttermahl? Hat er das in Las Palmas verloren oder im Puff in Zahlung gegeben – oder was? Der vermeintliche Joshua, Pokerspieler und möglicher Terrorist betritt noch vor mir die etwas verqualmte Messe, in der einige unserer Leute sowie die restlichen Israelis an den Tischen verteilt sitzen und ich im linken Ohr Gesprächsfetzen mitbekomme, die von den Juden und Israelis handeln. Unsere Passagiere sehen sich selbst als Israelis jüdischen Glaubens, nicht als Juden die in Israel leben. Das ist selbst für mich ein neuer, vorher unerforschter Gesichtspunkt. „Ihr seid doch bestimmt auch erst Deutsche und anschließend Christen, und nicht umgekehrt“, verklickerte einer der Israelis. Irgendwann in nicht all zu weiter Zukunft werden die Geplänkel unter Deutschen und Israelis giftiger, denke ich und versuche nochmals, meine Konzentration auf das verlorene Muttermahl einzupeilen. Inzwischen schaffe ich es, mich am Rothaarigen so vorbeizudrücken, dass ich dessen Visage recht voraus habe. Mir scheint, es ist der gleiche Mann, der in Kapstadt an Bord kam. Doch, verdammt, wo ist das Muttermahl? Inzwischen sind die Gespräche beim Sport angelangt. Ich höre jemanden fragen: „Kann mir mal jemand erklären, wieso israelische Clubs in den europäischen Ligen mitspielen dürfen, obwohl die doch streng genommen Asiaten sind?“ Ich kann den Frager jedoch nicht ausmachen, obwohl dessen Stimme sich sehr nach der unseres Zimmermanns ‚Opa’ – Emil Oberbauer – mit seinem leichten Südslang anhört. Ich nehme die gewohnte Tasse Kaffe in Angriff, während unser Smutche mir eine Thermosflasche mit dampfendem und wohlriechendem Gesöff auffüllt, ich aber die Gedanken nicht auf den richtigen Kurs bekomme, zumal ich auf die Antwort der in den Raum gestellten Frage warte. Es entsteht ein kleines Wortgeplänkel, bei dem die einzelnen Stimmen nicht gänzlich auseinander zu halten sind. Dann die Stimme eines der Passagiere auf Englisch: „Weil wir wie Europäer sind, nicht wie Araber!“ – „Und das ist alles? Seit wann gilt denn Südafrika zum Beispiel als Europa? Weil da alte Buren wohnen? Nein, es ist Afrika, trotz der Weiβen dort – oder etwa nicht?“ – „Das ist doch ganz etwas Anderes, ich bin ein Yekke-Potz!“ ruft der Israeli dazwischen. „Wieso? In Israel leben Araber und Palästinenser in einem Land, das Palästina heiβt, und Palästina ist Asien, da geht kein Weg dran vorbei, sonst muss der Libanon auch Europa sein, denn es liegt näher an Europa als euer Land, ganz zu schweigen von der Türkei... Und was ist ein Yekke-Potz?“ Die Stimmung wird unangenehm, fürchte ich, denn die Luft knistert förmlich. „Warum redet ihr nicht von den Weibern und überlasst Politik und Grenzverschiebungen denen, die was davon verstehen?“ rufe ich dazwischen und bemerke, dass die Leute mich wohl vergessen hatten, denn sofort wird es ruhig, nur die Blicke einiger unter ihnen verraten eine gewisse Erhitzung der Gemüter, vor allem die der Passagiere. Doch richtiger Hass ist es eigentlich nicht, der sieht anders aus. Die Gruppe geht zu anderen Themen über, und ich versinke wiederum in meine Gedankenwelt. Und dann sagt der Israeli fast zu sich selbst: „Ein Yekke-Potz ist ein in Europa geborener Jude und...“ Wenn es wahr ist, dass es in Las Palmas einen Personenaustausch gegeben hat, dann war das alles von langer Hand vorbereitet, denn man findet seinen eineiigen Doppelgänger, der nebenbei auch noch ein noch perfekterer Schauspieler sein muss, nicht mal eben an der nächsten Straßenecke. All das läuft schlieβlich auf ein „Dickes Ding“ hinaus. Und genau da liegt der Haken! Was tun? Ich verbrenne mir fast den Rachen beim nächsten Schluck, den ich, in Gedanken versunken, nicht aus der Muck sondern direkt aus der Thermosflasche nehme. Mein Fluchen lässt die Augen aller auf mir ruhen, auch die des Rothaarigen – oder besonders dessen? „Ist was, Mate?“ fragt der ebenfalls in der Messe anwesende Zweite Ing Uwe Meiers. „Nee, nichts Besonderes, ich werde nur alt und die Neuronen mit dem Rest meiner sterblichen Hülle!“ Die Leute wenden sich dem neu aufgenommenen Kartenspiel zu. Einige lachen wie befreit auf. Und wie gehabt, Joshua hat ’ne groβe Straße auf der Hand, Pik As als höchste Karte. Dagegen kann niemand anstinken. Zigaretten wechseln den Besitzer. Wenn das noch einige Wochen so weitergeht, ist unser Zigarettenlagerbestand in Joshuas Kabine verstaut, und unseren Rauchern unter der Besatzung wird eine Gelegenheit gegeben, Nichtraucher zu werden. Der Joshua ist dann außer Terrorist vielleicht auch noch Therapeut. Weiterhin unentschlossen, dem Kapitän meine Beobachtungen, Befürchtungen und den Brief des Lulatsches zu unterbreiten, komme ich auf die Brücke und beginne meine Vierstundenwache. Die See ist leicht bewegt aus Nord-Nord-Ost. Erste weiße Schaumköpfchen und Streifen weisen auf zunehmende Windgeschwindigkeiten hin. Ich stehe gerade im Kartenhaus, als unser UKW auf dem Sicherheitskanal 16 lebendig wird. Ich kann’s nicht glauben, unser Freund Mike, der US-Kampfjetpilot ruft uns. Besser und exakter ausgedrückt, er ruft mich. Natürlich ist ihm unser Wachsystem bekannt, also weiß er, wer von wann bis wann auf der Brücke ist. In groben Zügen gibt er mir bekannt, dass sein Verband auf dem Rückflug zum spanischen Festland ist – wegen einiger Vorkommnisse in Afghanistan, die er nicht weiter erläutert, von denen ich jedoch annehme, dass es mit den Koranschülern, der Zerstörung der Riesenbuddhas in Banminyar, von der wir auch schon unterrichtet sind und was sonst dem Weltpolizisten USA an die Leber geht, zusammenhängt. Wir verabschieden uns, gegenseitig eine gute Wache wünschend. Wo soll das alles hinführen? Werden die ‚Chicken Farmer’ oder Yankees, ganz nach Belieben baldigst Rundumschläge austeilen oder die Dinge mit genügend Abstand betrachten? Sind wir Nichtmoslems in unseren Traditionen, unserem Rechtsempfinden, unseren Weltanschauungen verkehrt gespult? Leben wir ‚Ungläubige’, obwohl wir zum gleichen Gott wie die Muslime beten, zu gut und selbstsicher? Ist eine neue Glaubensrevolution im Gang, von der wir noch gar nichts mitbekommen haben – bisher? Oder tun wir nur so, als ob, weil politisch richtig und sehr progre? Und irgendwie finde ich es nicht schlecht, dass wir an Bord nur wenig Informationen aus dem Rest der Welt erhalten. „Was ich nicht weiβt macht mich nicht heiβ!“ Und wie sagt da ein unvollständiger Spruch? „Wenn du dort hinten am Horizont den riesigen Qualm und Feuerpilz aufsteigen siehst, dann beuge deinen Körper voraus, stecke deinen Kopf durch die gespreizten Beine und küsse deinen Arsch. Good by!“ Das mit der Zeitung auf dem Kopf als Schutz gegen atomare Strahlen und Hitze, das lasse ich wegen geistigen Dünnschisses weg. Aus Gehässigkeit? Ich gehe raus in die Steuerbordnock, hänge meinen Gedanken nach und freue mich trotz allen Schauderns doch irgendwie, dass der Ami mich aus seiner Maschine her anrief. Dabei stelle ich innerlich fest, zwischen den Seeleuten aller Nationen besteht ein gewisses Feeling. In diese kann man auch die Flieger, seien es militärische oder zivile, einschließen wie ich es schon mehrmals feststellen konnte. Irgendwie liegen wir auf den gleichen Frequenzen, aus welchem Grund auch immer. Sei es wegen der Entfernung von zu Hause oder sei es wegen der Unantastbarkeit der Elemente, in denen sich ein jeder bewegt und an denen er nichts, aber auch rein gar nichts ändern kann oder sei es aus Anteilnahme wegen der Geschehnisse, die uns alle betreffen. Was mich jedoch genauso erschüttert, ist die Tatsache, dass wir Seeleute mitnichten mit beiden Beinen in der Welt stehen. Wir sind zeitweilig abgekoppelt, weil uns manchmal tage- oder wochenlang wichtige Nachrichten fehlen, es sei denn, das Schiff hat einen Funker, der den Kontakt mit der Welt dort in der Ferne aufrecht erhält – oder jeder fährt einen Weltempfänger in seiner Kabine und hört die Deutsche Welle – oder irgendwann in naher Zukunft sind alle Schiffe mit den neuesten Kommunikationsmitteln ausgestattet. Meine Gedanken verweilen einen Augenblick in New York, in Los Angeles und Huston, dessen pulsierendes Leben ich vor Jahren kennen lernte. Die 46. Street, Smith Nine Street, Empire State Building in NY und viele andere mehr. Ich genehmige mir einen Blick auf die an unserer Bordwand vorbei gischtende dunkle See, schaue dann zu den Sternenhaufen hinauf, welche von Zeit zu Zeit von Wolken verdeckt werden und stutze... Was hatte ich da gerade unter mir aus der Bordwand ragen sehen? Eine Antenne? Ein Stück Draht? Ich schaue wieder hinunter. Dunkle See und manchmal leuchtende Punkte oder gar Teppiche, als gebe es im Wasser Glühwürmchen, Lichtbalken aus diversen Bulleyes, die Wasser und Schaum zeitweilig aufleuchten lassen, doch nichts von einer Antenne oder Draht. Habe ich mich getäuscht? Leicht grübelnd stiefele ich in die Brücke und höre den Matrosen der Brückenwache aus der anderen Nock: „Steuermann, Lichter auf drei Strich an Backbord voraus!“ Ich schnappe mir einen Kieker, peile die Lichter an, bei denen ich jedoch noch nicht erkennen kann, ob es ein Entgegenkommer, Quer- oder Mitläufer ist. Ich schicke den Matrosen in die Kombüse, um noch ’ne Kanne Kaffe zu produzieren, denn außer dem Lichtpunkt dort an Backbord ist die restliche weite See eben nur weite See. Und dann, irgendwann später scheint es mir klar. Das Ding war tatsächlich eine Antenne und zwar eine eines Satellitentelefons, erkenntlich an der Länge des Stabes und der Verdickung derselben am unteren Ende. Bleibt nur noch herauszufinden, aus welchem Bulleye die Antenne vor kurzem ragte. Ich versuche, halb mit dem Oberkörper außenbords hängend, einen geistigen Lageplan zu erstellen. Doch Pustekuchen. Unmöglich, das richtige Bulleye auszuspähen. Irgendwann stellt sich außer Frust auch eine gewisse Kurzatmigkeit wegen des gepressten Brustkorbs und Bauches ein. Ich gebe auf. Der Matrose erscheint mit dem neuen Kaffe in der Brücke. Hoffentlich hat der mein Außenbordshängen nicht geschnallt. Wenn doch, so behält er das vorerst für sich, zumindest, bis er mit den anderen Seeleuten Kontakt hat. Ich stiefele ins Kartenhaus, greife nach dem Tagebuch, um das Gesehene einzutragen; unterlasse es jedoch schon bald darauf, denn einmal eingetragen, muss ich auch den Alten unterrichten. Und was soll ich ihm sagen? Ich habe ’ne Antenne aus einem Bulleye ragen sehen? Na und? Was für eine Antenne? Zu viele Fragen, die da bestimmt auf mich zukommen und keine schlüssige Antwort. Mein spanisch-baskischer Wachmatrose schaut mich an, und ich habe das Gefühl, er möchte mir etwas sagen. Ich gehe in die Nock hinaus, wo mir der Passatwind, der hier in der Gegend auch Alisio genannt wird, die Haare durcheinander wirbelt und die frische Seeluft explosionsartig in die Lungenbläschen eindringt. Ein herrliches Gefühl der Weite, Freiheit und Reinheit der Umwelt.
Lesen Sie im Buch weiter! - Bestellungen - Im Buchhandel unter ISBN 978-3-00-035506-6 Am schnellsten per Direktbezug gegen Rechnung beim Herausgeber innerhalb Deutschlands portofrei: Telefon: 040-18090948 oder per eMail: maritimbuch (at) gmx.de Die Säulen des Herkules Es ist der 09. September, 17:23 Ortszeit. Da sind sie, die so genannten „Säulen des Herkules“. Auf der afrikanischen, also unserer Seite, ist es Punta Cires und dort drüben im Dunst auf der Seite Europas der Ort Tarifa mit dem Punta Marroqui. Grenzsteine an einer der vielbefahrensten Seestraβen der Welt. Und mitten drin Bojen mit langen Stangen, an denen kleine verschiedenfarbige Fähnchen flattern. Bojen, wohin das Auge reicht. Fischerbojen, um die wenigen frei lebenden und laichbegierigen Thunfische bei ihrem Zug hinein in das Mittelmeer abzufangen. Uns erwartet eine Slalomfahrt zwischen diesen Netzzeichen, quer laufenden Fähren, die zwischen den Kontinenten ständig pendeln und den unterschiedlich starken Strömungen. An unserer Steuerbordseite sehe ich starke Wasserwirbel über der in der Seekarte verzeichneten Banco del Fenix, der Fenixbank. Es tut gut, Abstand einzuhalten. Mein Wachantritt trifft mit dem Passieren Tarifas weit ab an Backbord zusammen. Wir fahren mittig zwischen zwei Containerschiffen im Verkehrstrennungsgebiet der Straße von Gibraltar. Die See ist bewegt, was mit den Strömungsverhältnissen ins Mittelmeer hinein und den gegenstehenden, also aus Osten kommenden mäßig starken Winden zu tun hat. Mir gehen Bilder eines Filmes, welcher mich damals doch sehr beeindruckte, durch den Kopf: ‚Das Boot’. Hier irgendwo haben die in ihrem innen und außen nassen Stahlfisch und mit vor Angst schwitzender Besatzung auf dem sandigen Grund gelegen, während die Limywachboote Wasserbomben warfen. Schon allein der Gedanke daran lässt mir kalten Schweiβ den Rücken runter laufen, und das hier oben ohne Wasserbomben und Krieg. Die bisher rollenden Schiffsbewegungen in der langen Atlantikdünung werden nun abgelöst durch eine auf und ab Stampfbewegung in kurzer vorderlicher See. Ich kann mich nicht entscheiden, was unangenehmer ist. Der Erste Offizier übergibt mir die Wache mit den Worten: „Slalomfahrt beendet, Herr Huber, da sind wir durch!“ In einer Nock sehe ich die Figuren zweier unserer Passagiere, die zur afrikanischen Küste rübersehen und sich von Zeit zu Zeit vor den überkommenden Seewasserwolken hinter dem Schanzkleid verkrümeln. Joshua ist nicht unter ihnen. Eine Meile voraus überschneidet unseren Kurs eine Fähre. Die Containerschiffe lassen uns ihre Hecks sehen, laufen bestimmt 10 Knoten schneller als wir. Und noch gut und gern 2.000 Seemeilen bis Haifa. Die beiden Israelis, einer heiβt Joe, der andere Eytan, kommen zur mir in die Brücke. Es ist, wenn ich mich recht entsinne, das vierte Mal während der Reise, dass mich die beiden mit ihrer Anwesenheit beglücken. „Wo stehen wir jetzt genau, Officer?“ fragt mich Eytan und sieht dabei auf den Kompass am Ruderstand. „Wenn Sie wollen, zeige ich es Ihnen in der Karte.“ Man muss ja höflich sein zu den Gästen. Ich höre die dritte Person nicht sofort, sondern erst, als jene schon mit den andern beiden im Kartenraum steht. Es ist Joshua. Es läuft mir kalt den Rücken runter, doch keine Ahnung weshalb. Der Matrose Ober, mein heutiger Wachgänger in der Nock, ruft nach mir. Aitor liegt mit etwas Fieber in seiner Koje, wie mir Emil bei Wachantritt mitteilte. Ich lasse die drei Israelis allein, denn schlieβlich kann ich mich ja nicht in zwei teilen. Als ich in der Nock ankomme, weist der Matrose voraus in die See. Erst habe ich echte Schwierigkeiten zu erkennen, um was es geht, und ich frage nach. „Dort zwischen den Wellen habe ich, glaube ich...“ – „Was denn nun, habe oder glaube?“ – „Habe ich ein kleines Boot gesehen, Steuermann!“ Ich nehme den Kieker an die Auge und suche die Wasserwüste voraus ab. Wellen, nichts als Wellen. Wer sollte denn auch so verrückt sein, jetzt mit einem kleinen Boot hier drauβen rumzuschippern. Wellen, Wellen, Schaumköpfe. Wellen, Wellen, ein kleiner gelber Punkt, Wellen und Schaum. Ein gelber Punkt? Ich reiβe das Glas wieder zurück, suche den gelben Punkt und entdecke ihn wenige Meter entfernt fast in gleicher Höhe mit unserem Steven eine „Nussschale“ mit Köpfen in ihr. „Kacke!“ Noch bevor ich in die Brücke abdüse, rufe ich dem Ober zu: „Lass die nicht aus den Augen!“ Doch mein Wachgänger, der Matrose Emil Ober, hat das winzige Boot schon nicht mehr in Sichtweite, was er mir auch sofort mitteilt. Der Alte erscheint nach meinem Anruf über das Interphon mit aufgerichteten Haaren auf der Brücke, als hätte ich ihn von der Couch geholt. Habe ich. „Ich war gerade für ’nen Augenblick weggetreten!“ bestätigt er meine Vermutung. „Was gibt es Neues, Herr Huber?“ „Wir haben das Boot aus den Augen verloren, tut mir Leid. Was ordnen Sie an?“ – „Sind Sie sicher, ein kleines Boot mit mehreren Menschen darin gesehen zu haben, Steuermann?“ – „Bestätigt, der Matrose Ober hat es als erster gesichtet!“ Der Kapitän nimmt den Sprecherhörer des UKW’s an die Lippen, drückt die Sprechtaste und gibt ein „PAN, PAN, PAN“ an alle Funkstellen mit der Sichtung und ungefähren Position des Objektes auf Kanal 16 ab. Es bestätigen die Küstenfunkstellen von Gibraltar, Ceuta und Kap Trafalgar, einen Moment später ein Boot der spanischen Guardia Civil. Wir setzten unsere Reise fort, ganz im Vertrauen auf die Kollegen an Land und in den Patrouillebooten. Ich stelle fest, dass die Israelis anscheinend irgendwann in diesen Minuten die Brücke verlieβen, denn ich sehe keinen von ihnen. Gerd Bauer, unser Alter verlässt die Brücke nach einer Eintragung ins Tagebuch. Ich versuche derweil, unsere Nähe zum Land dazu auszunutzen per Mobiltelefon Hamburg zu erreichen. Ergebnis – nach etlichen Versuchen – gleich Null, das Handy ist wie tot. Ich klemme mir das unnütze Ding an den Hosengürtel, gehe in die Brücke und grabsche nach dem Fernglas, was sich nicht dort befindet wo es ordnungsgemäß zu sein hat, damit niemand danach suchen muss. Der an die Wand geschraubte Holzkasten für das Glas ist leer. In der Backbord-Nock steht einer der Israelis, es ist nicht Joshua sondern Ariel, mit dem Kieker vor den Augen zur spanischen Küste am Horizont hinüberschauend. Als er ihn absetzt, sieht er mich auf ihn zusteuern. Er lächelt unsicher und offeriert mir das Fernglas. Ich sage nichts weiter, denn er weiβ garantiert, dass er lieber hätte fragen sollen, bevor er sich des Glases, eines nautischen Instrumentes also, bemächtigt. Und während ich den Kieker entgegennehme, er es mir mit Entschuldigung erheischenden Augen aushändigt, höre ich, wie uns Gibraltar-Radio auf dem UKW-Sicherheitskanal ruft. Ich hätte es fast verschlafen. „Gibraltar-Radio, hier das deutsche Motorschiff...!“ antworte ich in Windeseile, denn ein Nichtbeantworten des UKW-Anrufes vom Felsen dort drüben kann ärgerliche Folgen haben. Ein paar Minuten und diverse Informationen, danach ist die Station mit allen geforderten Angaben gefüttert und der Militärtelefonist dort oben auf dem Gipfel verabschiedet sich mit: „Gute Reise!“ auf Deutsch. Neben uns an Backbord läuft ein Tanker von vielleicht 60.000 Tonnen, voll beladen und daher tief im Wasser liegend, auf dem Verkehrstrennungsgebiet der Straβe von Gibraltar mit, schiebt eine Riesenbugwelle vor sich her und hält natürlich stur Kurs.
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Man spricht vom New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani mehr, als vom Präsidenten, die ebenfalls Anwärter für die Geschichtsbücher sind. Die Stunden verlaufen in einer Art, wie meine Person, wie wir alle, nehme ich an, es noch nie erlebt haben. Alles dreht sich um das eine Thema. Und die Angelegenheit mit unserer ‚Luke drei’, den israelischen Passagieren und den Vermutungen unter uns Schiffsoffizieren, tritt mehr und mehr in den Hintergrund. Es überkommt mich ein beschissenes Gefühl. Ich frage mich ununterbrochen: Und wenn das in New York eine Fortsetzung hat, die von unserem Schiff ausgeht? Wenn die Twin Towers nur ein Vorspiel einer viel gröβeren Tragödie darstellen? Während meiner Wachen habe ich mehr die Ohren als die Augen offen. Jedes unnatürliche Geräusch an Deck, hauptsächlich nachts, wird automatisch mit denen im Hirn gespeicherten abgeglichen. Meine Augen sind die des Mannes in der Nock, dem Wachmatrosen, genannt Ausguck. Auch habe ich mir erlaubt, die ‚Luke drei’ ab und zu auszuchecken, dicht vermummt in einen Parker und zwei Hosen. Bisher ist mir nichts aufgefallen dort unten. Und doch muss da was sein. Meile um Meile kommen wir unserem Zielhafen näher – und bis dahin, hoffe ich, ist das Rätsel gelöst, wie auch immer. Meine in diesem Job unerfahrenen Hände haben inzwischen das alte, in Kapstadt ausgebaute UKW-Gerät so hergerichtet, dass es einsatzbereit ist. Die Reichweite ist wegen fehlendem Antennenanschluss nicht kalkulierbar und schon gar nicht ausreichend, irgendeine Küstenfunkstelle zu erreichen, wenn wir einmal Malta hinter uns gebracht haben, und das wird morgen sein. Dann werden wir durch das ‚Teufelsdreieck’, dem Gegenstück zum ‚Bermuda Dreieck’ schippern. Ich hoffe jedoch, das Gerät nie benutzen zu müssen, denn wenn ja, dann bedeutet das, hier an Bord ist die „Scheiβe am Dampfen“. Auf der ‚Hundewache’ des Dritten Offiziers geschieht es dann: Kolbenfresser. Hauptmaschine Stopp. Erster Ing und Kapitän beraten und legen einen Zeitplan fest, der möglichst einzuhalten ist. Vier Stunden für die Reparaturen werden geplant. Die Lichter rot weiβ rot untereinander im Signalmast „angezündet“, wie der Seemann das noch heute archaisch sagt. Das Maschinenpersonal im Volleinsatz. Es erscheinen zwei unserer Passagiere im Ruderhaus und fragen an, was denn los sei. Es ist 01 Uhr 32 Ortszeit. Als sie informiert werden, meint der Wachoffizier, dass die beiden Israelis von der Verzögerung nicht sehr angetan sind, wie er später in ein Gespräch einfädelt. Die räumen die Brücke rund zehn Minuten später ohne Proteste, jedoch anscheinend verstimmt. Warum? Eine Verzögerung unserer Ankunft in Haifa kann doch unmöglich so dramatisch für sie sein. Was steckt dahinter? In unserem Radar, auf vierundzwanzig Meilen eingestellt, sieht der Dritte, wie diverse andere Fahrzeuge an uns vorbeilaufen. In den Alarmbereich von drei Meilen ist jedoch noch niemand eingedrungen. Ich selbst komme nicht in den Schlaf, denn die gewohnten Schiffsbewegungen während der Fahrt und die dazu gehörenden Geräusche existieren von jetzt an nicht. Andere unbekannte sind dazugekommen. Es fällt mal Werkzeug auf die metallenen Bodenplatten im Maschinenraum, es rasseln Ketten von Flaschenzügen, die durch alle Decks hallen, und die Schiffsbewegungen sind träger als normal, die Motorengeräusche, jenes leichte Brummen ist in fast sakrale Ruhe übergegangen. All jenes muss Körper und Geist erst auseinander halten und dann innerlich einbetten, um es zu einer gewissen Gewohnheit zu machen. Und das braucht seine Zeit. Und irgendwann dann hält es mich nicht mehr in der Koje. Ich kleide mich an und steuere bald darauf die Messe an. Trotz der frühen Stunde, sitzen mehrer unserer Decksbesatzung dort in einem gewissen Freudenrausch, der mich erst verwundert, dann jedoch begreifen lässt, da unser Bootsmann unter ihnen ist, der gerade einen Witz erzählt. Und im Witzerzählen ist er Vizeweltmeister, wie er behauptet, ohne zu verraten, wer für ihn persönlich der Weltmeister ist. Irgendwann werde auch ich von den allgemeinen Lachorgien eingenommen, vor allem, als er den Witz mit der jungen Rothaut namens „Fickender Hund“ und dessen Frage an den Schamanen des Stammes nach Art und Form der Namensgebung für Neugeborene der Gemeinschaft erzählt und es weder an Mimik noch an den nötigen, seine Worte unterstreichenden Gebärden fehlen lässt. Von unseren Passagieren sehe ich nichts, obwohl die aus der normalen Runde alle anwesend sind. Irgendwann dann bin ich doch wieder in der richtigen „Bettschwere“ und verziehe mich in meine Gefilde. Verwunderung! Meine Kabinentür ist nur angelehnt, nicht geschlossen. Ich bleibe unwillkürlich stehen und versuche, einen klaren Gedanken zu fassen: Haste sie zugezogen – oder nicht? Ich habe! Langsam, ohne Lärm und etwas gebückt schleiche ich mich an meine Kabine heran wie ein Indianer oder eher ein weiβgesichtiger Halbidiot? Innigst hoffend, dass mich erstens niemand von der Besatzung so sieht, und zweitens, dass niemand in meiner Kabine ist, dem ich eins auf den ‚Wirsing’ geben muss. Hatte ich Licht angelassen – oder nicht? Ja, ich hatte! Ich komme der Tür auf Tuchfühlung nahe und stoβe sie, mich an der Kammerwand deckend, wie im Falle eines Kabinenbrandes, langsam auf. Von drinnen, keine Reaktion. Ein rascher Blick hinein. Und alles, was meine Augen erblicken und aufnehmen wie eine Kamera, sind die altbekannten Möbel, jedoch keine Menschenseele. Und im Badezimmer? Ein rascher Schritt, jetzt in voller Körpergröβe in die Kabine hinein, zwei, drei groβe Sätze wie beim Dreiersprung, und ich stehe vor dem Badezimmer. Hinter der Tür – niemand. Ich atme tief durch, Adrenalinspiegel auf normalem Niveau. Und doch, irgendwas stimmt nicht, verflucht! Meine Hände machen die Flügelschranktür unter meiner Koje auf, drücken einen der dort gelagerten Koffer zur Seite und tasten nach... Das UKW-Gerät ist noch da. Ich klaube es hervor und drehe es vor meinen Augen hin und her. Es scheint unangetastet. Meine Augen suchen weiter die Kabine ab. Der Stuhl, die marokkanische handgeknüpfte Brücke vor meiner Hochkoje, meine ungebügelte Kahkihose über der Stuhllehne, das Welt-Radio auf dem Bord über der Koje, die Reedereibettwäsche, der Tisch mit der eingedellten Coladose einer unbekannten Marke, die der Smutche irgendwo eingekauft hatte; die beiden Bücher daneben, das... Bierdose? Wieso steht da eine Bierdose neben dem halbvollen Aschenbecher? Ich trinke diesen Saft kaum, es sei denn, es ist nichts anderes in Griffweite. Also doch, irgendwer hat meine Kabine inspiziert. Fand der Inspekteur, was er suchte oder brachte er was? Mir stehen die Armhärchen ab wie Igelstachel. Ich bin noch auf der Suche nach was weiβ ich, als der Hauptmotor hustet. Die Beleuchtung flimmert erst, stabilisiert sich dann aber sofort. Pressluftgeräusche. Der Motor hustet, rotzt eine schwarze Qualmwolke in die saubere Umwelt nahe meines Fensters, um dann erneut in das Normalgeräusch eines Schiffdiesels überzugehen. Die BABITONGA kann die Reise fortsetzen. Fast automatisch plieren meine Glubscher auf die Armbanduhr, welche zwar keine Tauchtiefen von hundert Metern aushält, dafür aber immer die korrekte Zeit anzeigt, was ja auch ihre Aufgabe ist. Zehn vor vier. Ade mit der Bettschwere. Jan muss sich sputen, um seine Wache anzutreten! alarmiert mich mein Hirn. Was auch immer gesucht wurde, habe ich nicht gefunden. Vielleicht ist da gar nichts? 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